zurück 14.6.1870, Dienstag ID: 187006145

Artikel Eduard Schelles in der »Presse« Nr. 162 auf S. 2 über Bruckners Orgelspiel am 10.6.1870:
     »Der Anwesenheit der Lehrer verdanken wir auch den seltenen Genuß eines kleinen Orgelconcertes. Herr Pruckner Professor am hiesigen Conservatorium, der bekanntlich vor nicht langer Zeit in Paris ein großes Aufsehen mit seiner Virtuosität auf der Orgel gemacht, hatte die fremden Gäste am Freitag Nachmittags in die Kirche der Piaristen eingeladen, welche im Besitze eines schönen Instruments ist und trug ihnen auf demselben unter Anderm die Cis-moll Fuge aus Bach's temperirtem Clavier nebst einem Präludium von eigener Composition und einer frei improvisirten Phantasie vor. Herr Pruckner darf in der That den Namen eines Virtuosen beanspruchen, seine Technik, namentlich seine Pedalfertigkeit ist überraschend und erregte viele Bewunderung. Allein die strenge Plastik eines polyphonen Stylgepräges, welche der Charakter der Orgel verlangt, ließen seine Vorträge, insbesondere das Präludium und die Phantasie zu sehr vermissen, um befriedigen zu können. Unserer Meinung nach würde Herr Pruckner einen größeren und reineren Effect erzielt haben, wenn er das versammelte Publicum nicht nach dem Maßstabe des französischen beurtheilt und seine Virtuosität an einigen der unsterblichen Orgelwerke Bach's bewährt hätte, welche doch wol dem Künstler auf diesem Instrument die rühmlichsten und zugleich schwierigsten Aufgaben bieten. [...] E. Schelle.« (*).

Eine Besprechung erscheint auch im Fremdenblatt Nr. 162 auf S. 5:
     » - Vergangenen Samstag fand in der Piaristenkirche in der Josefstadt ein Orgelkonzert statt, in welchem sich der Hoforganist Herr Anton Bruckner vor der versammelten deutschen Lehrerschaft produzirte. Herr Bruckner erwies sich als ein großer Orgelvirtuos, dem sein Instrument keine Schwierigkeit mehr darbietet. Nicht umsonst ist er aus dem vor einem Jahre ausgeschriebenen französischen Organistenkongreß als preisgekrönter Sieger hervorgegangen und ist von den französischen Journalen wie ein Meerwunder angestaunt worden. In der Piaristenkirche improvisirte Herr Bruckner ein Präludium und spielte hierauf eine Fuge (Cis-moll) von Sebastian Bach. Schließlich brachte er eine freie Fuge über ein selbsterfundenes Thema. Dem verdienstvollen Manne, der sich aus eigener Kraft emporgearbeitet, kam an diesem Tage viel Beifall und Bewunderung entgegen.« (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 187006145, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-187006145
letzte Änderung: Feb 02, 2023, 11:11