Das Neue Fremdenblatt Nr. 108 berichtet auf S. 6 über das Probespiel für London:
"Gestern Nachmittags 3 Uhr fand in der Josephstädter Piaristenkirche vor einem kleinen Kreise geladener Musikalischer Autoritäten ein Probespiel dreier Orgelvirtuosen statt, welche sich um die offizielle Entsendung nach London zur Abhaltung von Konzerten während der diesjährigen Ausstellung bewarben. Eine aus Professoren des hiesigen Konservatoriums und anderen Kunstverständigen bestehende Jury sollte den vorzüglichsten der drei Bewerber zur Entsendung empfehlen. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß die Wahl auf den bereits durch die Gesellschaftskonzerte vortheilhaft bekannten Herrn Bruckner fallen wird. Herr Bruckner hat durch den technisch ausgefeilten, plastisch stylvollen Vortrag des Bach'schen Orgelkonzertes aus A-moll, noch mehr durch eine schwung- und eifervolle Improvisation über ein von Hofkapellmeister Preyer aufgegebenes Thema den Preis redlich verdient. Dasselbe Thema hatten auch die anderen Mitbewerber die Herren Dr. Hausleitner und Gerstberg [recte vermutlich Eduard Grasberger] frei auszuführen, was dem erstgenannten Herrn weniger, dem letzteren gar nicht gelang. Uebrigens bewies sich Herr Dr. Hausleitner durch den Vortrag der Bach'schen dreistimmigen Orgelsonate in C-moll als ein im polyphonen Spiel wie besonders im Pedal sehr geübter, hochachtbarer Organist, während er die prächtige, durch Esser's Instrumentirung bekannte F-dur-Toccata - gleichfalls von Bach - zwar korrekt, aber nicht lebendig und eindringlich genug zur Geltung brachte. Das Tempo war zu langsam und gleichförmig. Herr Gerstberg (aus Prag) steht jedenfalls von den Spielern in dritter Linie, zum Vortrage hatte er ein Liszt'sches Orgelpräludium und einen Trutzschel'schen Sonatensatz gewählt, welch letzteres ganz modernes Stück irrthümlich als von einem alten Meister herrührend angegeben wurde. Als Zeugen der interessanten Produktion bemerkte man die Herren Hellmesberger, Herbeck, Preyer, Dr. Laurencin, Dr. A. Schmid, Gotthard u. s. w." [keine Signatur] (*).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 187104195, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-187104195letzte Änderung: Jan 01, 2026, 22:22