zurück 19.4.1871, Mittwoch ID: 187104195

Das Neue Fremdenblatt Nr. 108 berichtet auf S. 6 über das Probespiel für London:
     "Gestern Nachmittags 3 Uhr fand in der Josephstädter Piaristenkirche vor einem kleinen Kreise geladener Musikalischer Autoritäten ein Probespiel dreier Orgelvirtuosen statt, welche sich um die offizielle Entsendung nach London zur Abhaltung von Konzerten während der diesjährigen Ausstellung bewarben. Eine aus Professoren des hiesigen Konservatoriums und anderen Kunstverständigen bestehende Jury sollte den vorzüglichsten der drei Bewerber zur Entsendung empfehlen. Wir zweifeln keinen Augenblick, daß die Wahl auf den bereits durch die Gesellschaftskonzerte vortheilhaft bekannten Herrn Bruckner fallen wird. Herr Bruckner hat durch den technisch ausgefeilten, plastisch stylvollen Vortrag des Bach'schen Orgelkonzertes aus A-moll, noch mehr durch eine schwung- und eifervolle Improvisation über ein von Hofkapellmeister Preyer aufgegebenes Thema den Preis redlich verdient. Dasselbe Thema hatten auch die anderen Mitbewerber die Herren Dr. Hausleitner und Gerstberg [recte vermutlich Eduard Grasberger] frei auszuführen, was dem erstgenannten Herrn weniger, dem letzteren gar nicht gelang. Uebrigens bewies sich Herr Dr. Hausleitner durch den Vortrag der Bach'schen dreistimmigen Orgelsonate in C-moll als ein im polyphonen Spiel wie besonders im Pedal sehr geübter, hochachtbarer Organist, während er die prächtige, durch Esser's Instrumentirung bekannte F-dur-Toccata - gleichfalls von Bach - zwar korrekt, aber nicht lebendig und eindringlich genug zur Geltung brachte. Das Tempo war zu langsam und gleichförmig. Herr Gerstberg (aus Prag) steht jedenfalls von den Spielern in dritter Linie, zum Vortrage hatte er ein Liszt'sches Orgelpräludium und einen Trutzschel'schen Sonatensatz gewählt, welch letzteres ganz modernes Stück irrthümlich als von einem alten Meister herrührend angegeben wurde. Als Zeugen der interessanten Produktion bemerkte man die Herren Hellmesberger, Herbeck, Preyer, Dr. Laurencin, Dr. A. Schmid, Gotthard u. s. w." [keine Signatur] (*).

Etwas knapper fällt der Bericht in der "Presse" Nr. 108 auf S. 13 aus:
          "Wien, 18. April. [...]
     (Orgel=Wettspiel.) Heute Nachmittags um 3 Uhr fand in der Piaristenkirche das Probespiel zu der Wahl eines österreichischen Vertreters des Orgelspiels auf der Industrie=Ausstellung in London statt. Als Concurrenten traten auf Herr Professor Bruckner, Dr. Hausleitner und ein Herr Gerstenberg aus Prag. Herr Bruckner hatte sich das A-moll-Concert von S. Bach, Herr Dr. Hausleitner den ersten Satz der dreistimmigen C-moll-Sonate von Bach und dessen große F-dur-Toccata, Herr Gerstenberg dagegen eine Phantasie von Liszt und eine andere von dem vor einigen Jahren erst im hohen Alter verstorbenen Organisten Trutschel gewählt. Außerdem wurde den drei Bewerbern ein und dasselbe Thema zu einer freien Improvisation gegeben, damit sie ihre contrapunktische Fertigkeit beweisen könnten. Die Jury wird sich in den nächsten Tagen für den zu Delegirenden entscheiden." (**).
 
Das Neue Wiener Tagblatt Nr. 107 schreibt auf S. 6f:
     "Orgel=Konzert. Gestern Nachmittag fand in der Kirche zu Maria Treu in der Josefstadt das Probespiel jener drei Orgelvirtuosen statt, die sich darum bewerben, nach London zur Abhaltung von Konzerten während der diesjährigen Ausstellung entsendet zu werden. [... erwähnt werden: Jury, Handelskammer, Repräsentanten der Musikkritik, Gerstenberger, Liszt, Hausleithner, J. S. Bach (Tokkata durch Essers Orchesterbearbeitung bekannt) ...] Herr Bruckner spielte ebenfalls Bach. Nachdem die drei Kandidaten mit ihren ersten Produktionen zu Ende waren, wurde ihnen von dem Jurymann Herrn Preyer ein kurzes Thema zur freien Phantasie und organischen Durchführung aufgegeben. In dieser Aufgabe zeigte sich nun der Hoforganist Bruckner seinen Mitbewerbern entschieden überlegen, und [.. wir müssen] gestehen, daß das technische Spiel Bruckner's den Sieg davon getragen hat. Wir glauben kaum zu irren, daß sich die Jury - aus den Herren Preyer, Direktor Herbeck und Direktor Hellmesberger und noch mehreren Professoren bestehend - für diesen Künstler entscheiden wird." (***).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 187104195, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-187104195
letzte Änderung: Jan 01, 2026, 22:22