Eduard Kulkes [nicht: Eduard Kremsers, siehe die Anmerkung] Besprechung der 4. Symphonie [»Bruckner ist der Schubert unserer Zeit«] im »Vaterland« Nr. 61 (Beilage) auf S. 9f:
»Musik.
(Bülow. - Bruckner. - Labor.)
Ed. K. Hans v. Bülow ist ein seltener Gast in Wien. [... über Bülow als Pianist, Dirigent und Komponist ...].
Eine ganz anders geartete Künstlernatur (man könnte geradezu von einem Gegensatze sprechen) tritt uns in der Person des Componisten Anton Bruckner entgegen, dessen Symphonie in Es-dur in demselben Concerte unter der Leitung Hans Richter's zur Aufführung kam. Bruckner hat nichts von äußerem Glanz an sich, nichts Bestechendes, kaum etwas Gewinnendes, und im Verkehr ein nicht nur bescheidenes, sondern fast demüthiges Wesen; er ist ein ausgezeichneter Orgelspieler, einer der ersten, die es gibt, er legt kaum einen Werth darauf. Bei all' seiner Bescheidenheit und Demuth ist er aber von einem starken Selbstbewußtsein erfüllt. Es wurde mir erzählt, daß er auf die Frage, weßhalb er keine Orgelconcerte gebe, geantwortet habe, „meine Finger werden begraben werden, das was sie schreiben, wird nicht begraben werden!" Es ist dies eine starke Aeußerung, aber sie ist nicht unberechtigt, und ob sich auch über die Wirkungen auf die Nachwelt schwerlich im Vorhinein etwas bestimmen läßt, das ist kein Zweifel, dass Bruckner das Recht hat, seine Thätigkeit auf dem Gebiete der Composition höher anzuschlagen, als mancher Anderer, der einen berühmteren Namen hat, als er.
Bruckner ist der Schubert unserer Zeit. Es ist ein solcher Strom von Empfindungen in seinem Werke, und eine Idee drängt so die andere, daß man den Reichthum seines Geistes wahrhaft bewundern muß, keineswegs aber darüber sich verwundern sollte, daß er für eine solche Masse der köstlichen Edelsteine noch immer nicht die adäquateste Fassung zu finden weiß. Der treffliche Organist, hervorgegangen aus der Schule der alten Contrapunctisten, könnte sich sehr gerne ebenso gut in den herkömmlichen Formen bewegen und sich in diesen Formen ebenso präcise ausdrücken, als mancher Andere bei dem die technische Beherrschung eben dieser Formen den ganzen Reichthum ausmacht. Bruckner ringt eben nach einer neuen Form; der Kämpfende aber gewährt noch keineswegs den Eindruck des Siegers; der Strebende gewährt niemals das erfreuliche Bild des Abgeschlossenen und Fertigen, er erscheint immer als ein Werdender, und in den Augen der Kleinmüthigen, die für das Großartige eines solchen Processes kein Verständniß haben, wird der kühne Werdende nur allzu häufig als ein bloßer Schüler angesehen; daher kommt es. daß so Viele ihn für einen bloßen Nachahmer Richard Wagner's halten, was er aber in Wahrheit so wenig und vielleicht noch weniger ist, wie derjenige, der sich von Richard Wagner's Richtung gänzlich frei und unabhängig wähnt; denn worauf kommt es an, wenn es sich um die Selbstständigkeit eines Künstlers handelt? Doch wohl in erster Linie auf die Ursprünglichkeit der Ideen, auf die Unmittelbarkeit der Erfindung. Nun möchte ich unter sämmtlichen Componisten der Gegenwart denjenigen kennen lernen, der mehr Unmittelbarkeit der Erfindung oder größere Originalität der Ideen besitzt als Anton Bruckner! Ich hoffe, der Komponist soll erst noch geboren werden; heute wenigstens wandelt er unter uns noch nicht einher, um seine Weisheit auf der Straße zu predigen.
Bruckner ist ein Wagnerianer, allerdings genau so, wie Wagner ein Beethovenianer, wie Beethoven ein Mozartianer ist, in einem anderen Sinne gewiß nicht. Bruckner arbeitet mit selbsterfundenen Themen und Motiven, und bedient sich hiebei aller derjenigen Errungenschaften, welche sowohl in Bezug auf Modulation, Motivenverflechtung und thematische Gestaltung, als auch in Bezug auf Instrumentation die neuere Zeit zu Tage gefördert hat. Ist man aber darum gleich ein bloßer Nachahmer, weil man das von Früheren Ueberkommene und Ererbte verwendet? Es fragt sich ja doch nur, in welcher Weise dies geschieht, ob man das Ueberkommene in eigenthümlicher Weise benützt! Und wahrlich Bruckner thut letzteres mehr, als irgend einer der Neueren; er singt seinen eigenen Gesang, er singt aus der eigenen. Seite heraus; er hat der Welt etwas mitzutheilen, was sein eigenstes Eigenthum bildet, und es wäre nur zu wünschen, daß ihm hiezu öfter Gelegenheit geboten würde, als es bisher der Fall gewesen. Wenn Herbeck noch lebte! aber Bruckner kann warten; es sind doch bereits einige da, die ihn zu schätzen wissen, und was er schreibt, wird nicht begraben sein.
[... über das Orgelkonzert von Joseph Labor am 4.1.1881. Labor gehöre nicht wie Bülow und Bruckner zu den Zukunftsmusikern, er sei eher ein Schatzgräber ...]«.
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188103035, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188103035letzte Änderung: Jan 26, 2026, 13:13