zurück 17.3.1887, Donnerstag ID: 188703175

Besprechung der 7. Symphonie [am 15.3.1887] in den Dresdner Nachrichten Nr. 76 auf S. 3:
"                        Feuilleton.
     † Sechstes Philharmonisches Concert am 15. März im Gewerbehause. Das letzte Concert des dieswinterlichen Cyklus brachte die siebente Sinfonie, E-dur, des österreichischen Komponisten Anton Bruckner, welcher mit manchen Anderen das Schicksal theilt, erst in späteren Lebensjahren – er ist 1824 geboren – weiteren Kreisen bekannter zu werden. Das vorliegende Werk erweckte durchgehends großes Interesse, wenn auch nicht ebenso durchgehends Wohlgefallen. In Bruckner herrscht Leben, Ringen, Kämpfen, nicht nur im 4. Satze wie eine Programmbemerkung meint, sondern viel mehr noch in den vorhergehenden Sätzen. [... Wagner, Form, Beethoven, Harmonik ...] Wem wäre die schon mehr häßlich zu nennende Stelle im 2. Satze nicht aufgefallen, in der der Posaunenchor gegen das übrige Orchester ankämpft? [... dennoch viel Interessantes, Schönes ... Erfindungsreichtum ... "nicht immer aus einem Guß", mehr zusammengesetzt ... Orchestration (kontrastreich, Verwendung der Posaunen [vermutlich die Tuben gemeint]) ...]. Alles in Allem müssen wir dankbar sein, daß uns dieser eigenartige, trotz seiner Wagnernachfolge doch wesentlich selbstständige Komponist durch Nicodé's Initiative bekannt gemacht worden ist. - [... über die anderen Werke und Mitwirkenden (Emil Sauret, Aline Friede). - Das Orchester hielt sich besonders tapfer in der Sinfonie und in dem, den Abend und die Saison abschließenden gewaltigen Kaisermarsch von Wagner, welchen das in gehobene Stimmung vesetzte Publikum von dem Kaiserhymnus an (gesungen von Liedertafel, Männergesangverein und Sänger des Neu= und Antonstädter Turnvereins) stehend anhörte. [...] - Herr Nicodé hat sich auch in dieser Saison als ein trefflicher Dirigent bewährt, dessen Feinsinn im Auswählen von Neuheiten und Geschick im Einstudiren und Zusammenhalten eines doch nicht einheitlichen Orchesters, dessen künstlerisch scharf eindringender Geist und Sinn sich so entschieden darlegen konnten, daß es nur lebhaftes     Bedauern erwecken müßte, wenn sich das Gerücht bewahrheitete, daß er aus irgend welchen Gründen nächsten Winter nicht wieder an diesem Direktionspulte erscheinen würde.
                                                                   Eugen Krantz."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188703175, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188703175
letzte Änderung: Dez 16, 2024, 8:08