Das Fremdenblatt Nr. 98 bringt auf S. 5 eine Besprechung des Konzerts vom 6.4.1887 (mit dem Chor »Um Mitternacht« [WAB 90]):
»Konzerte.
[...] Der Wiener Männergesangverein hat das Räthsel gelöst, immer derselbe zu sein und doch jung zu bleiben. [... über den weisen Umgang mit jugendlichem Nachwuchs ...] Auch in diesem Winter hat er unter der Leitung seines Chormeisters Eduard Kremser große Thaten musikalischer Tapferkeit vollbracht. Zumal in seinem zweiten Konzerte, wo ein neuer Chor von Anton Bruckner auf dem Programm stand. Man weiß, was es im technischen und künstlerischen Sinn heißen will, einen Chor von Bruckner auszuführen; ein solcher Chor stellt die höchsten Anforderungen an das Treffvermögen der Sänger, an die Tiefe, Höhe und Ausdauer der Stimmen. Bruckner's Art ist ja bekannt, er möchte auch im Kleinsten das Größte leisten, die Welt gleichsam in eine Faust pressen. Was hat er nicht aus dem vierstrophigen Gedicht "Um Mittternacht" von Robert Prutz gemacht! Das Gedicht schildert eine beseligende Nachtstimmung, die mit der Erinnerung an die Mutter die glückliche Zeit der Kindheit zurückzuführen scheint. Mit einer wahren Trunkenheit der Seele vertieft sich Bruckner in den Sinn, in die Worte des Gedichts; er kann sich nicht losreißen von dem "wundersamen Klang", von dem "lieben Muttermunde" und gießt einen Strom von Harmonien über sie aus. Wie unterbrochene Kaskaden stürzen die Akkorde und bewegen sich in bald krausen, bald herrlichen Modulationen. Neben einem Schwelgen im Wohlklang gibt sich der Komponist einer wahren Wollust im Aufwühlen von Dissonanzen hin. Nach einer langen Abwesenheit kehrt der Chor am Schluß zu seinem Anfang zurück. Diese für einen Chor so unendlich schwierige Aufgabe hat der Männergesangverein staunenswerth gelöst; glockenreine Einsätze, vollständige Ruhe und Sicherheit, eine spielende Beherrschung der verschiedensten dynamischen Wirkungen - diese Eigenschaften kennzeichneten den Vortrag des Chores. Es war das größte Meisterstück des Wiener Männergesangvereines, der, wie es scheint, Alles kann, was er will. In seinem geistlichen Volkskonzert am Charmittwoch wiederholte er den Bruckner'schen Chor, der nun erst eine große Wirkung hatte; der Komponist mußte erscheinen und die Huldigungen des Publikums entgegennehmen. [... kurz über weitere Programmnummern ...] In dem geistlichen Volkskonzerte, welches Anton Bruckner mit einem Orgelpräludium einleitete, dem freilich bei allem sonstigen Glanz das polyphone Mark fehlte, hörten wir unter Anderem [... über die anderen Werke, Bachs Matthäuspassion und andere Konzerte ...] Ludwig Speidel.«
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188704095, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188704095letzte Änderung: Feb 19, 2026, 17:17