zurück 20.7.1893, Donnerstag ID: 189307205

Heinrich Reimanns Artikel "Aus der Musikliteratur" in den Blättern für literarische Unterhaltung Nr. 29 bespricht sechs Neuerscheinungen, darunter auf S. 456f:
"5. Der Widerspruch in der Musik. Von Rudolf Louis. Leipzig, Breitkopf u. Härtel. 1893. 8. 2 M. 50 Pf.
     Ein durch und durch ernstes und streng wissenschaftlich gehaltenes Buch! Die letzte Scholle in das Grab der schon längst in ein "besseres Jenseits" geschickten Hanslick'schen Irrlehre von dem "Musikalisch-Schönen". Unter den Musikästhetikern besitzt der Verfasser offenbar die ausgedehntesten musikalischen Kenntnisse; Bach, Beethoven, Berlioz, Wagner, Liszt und – Bruckner sind ihm die Höhepunkte der musikalischen Entwickelung. Schumann, Mendelssohn, Brahms sind Epigonen! Das Urtheil ist ungerecht und falsch obendrein; es erklärt sich wol daraus, daß der Verfasser sich mit diesen Meistern in geringerem Grade beschäftigt hat, als mit jenen. Auch sonst fordern seine musikalischen Ansichten gar oft den "Widerspruch" allseitig gebildeter Musikkenner heraus. Aber der hauptsächlichsten Beweisführung und dem Grundzuge dieser beachtenswerthen Schrift muß man beipflichten. Wären jene übeln Auswüchse nicht vorhanden, und spitzte sich die ganze Theorie des Verfassers schließlich nicht darauf zu, den wiener Symphoniker Bruckner als "den extremsten Individualisten" zu feiern, ihn als eine "trotzig verzagte, himmelstürmend-verwegene, so widerspruchsvolle und doch dem liebenden Auge so verständliche Persönlichkeit", als ein echtes Menschenkind, "in seiner ganzen himmlisch-irdischen, genial-philiströsen Wunderbarkeit noch über Berlioz-Liszt-Wagner zu erheben, man würde dem Verfasser sogar den starken Glauben an die eigene Unfehlbarkeit verzeihen und sein Buch als den Anfang einer wirklich vernünftigen musikalischen Realästhetik begrüßen können.
     Zwei einleitende Kapitel [...] die drei Grundformen des Musikalisch-Aesthetischen: das Schöne, das Erhabene und das Humoristische in der Musik. [...] so bleibt doch ein "unausgedrückter Rest", das mehr Geahnte und Gefühlte, als Verstandene und Begriffene in der Musik zurück – das was uns bei Bach und Bruckner (!) als "etwas tief Mystisches" so "mächtig packt"! [...] "Resignation" war das letzte und einzigste Mittel, den Widerspruch in der neuen Welt des Erhabenen zu lösen; Verzicht auf die Erlösung war die Erlösung selbst und diese zu finden konnte nur dem "Humoristen" gelingen. Der "Humorist" ist – Anton Bruckner. Er verläßt nirgends das Schema der Beethoven'schen Symphonie, und doch spricht aus seinen Werken der Charakter der Unendlichkeit und Erhabenheit auf das deutlichste. Seine Naivetät, seine Unbewußtheit – die beiden Haupteigenschaften des Humoristen – ließen "den Künstler das Anstreben einer Einheit zwischen Form und Inhalt als ein unerreichbares Ideal überhaupt aufgeben".
     Wer sich mit diesem gänzlich negativen Resultate zufrieden geben kann, muß freilich eine gute Portion pessimistischer Hartleibigkeit besitzen. Aber den Verfasser reizte offenbar das dialektische Spiel mit dem erlösenden Worte "Resignation". Er lehnt scheinbar resigniert jede Weiterentwickelung der Kunst nach Bruckner ab, um so sich selbst als die Krone der Philosophen in ähnlicher Weise zu bezeichnen, wie er Bruckner (einen gewiß ebenso genialen, als bescheidenen, liebernswerthen Künstler) als die Krone der Musiker feiert! Kenne ich Bruckner's Charakter und Gesinnung recht, so glaube ich, ist ihm selbst damit der geringste Gefallen geschehen.
    6. Ueber Reinheit der Tonkunst. Von Anton Friedrich Just. [...]     Heinrich Reimann."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189307205, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189307205
letzte Änderung: Mai 01, 2026, 11:11