Die Österreichische Volkszeitung Nr. 39 bringt eine Kritik zu den Konzerten vom 5.1.1896 mit der 4. Symphonie und 12.1.1896 mit dem Te Deum, signiert »B. B-t.« [= Balduin Bricht]:
" Konzerte.
Die Philharmoniker spielten in ihrer jüngsten Produktion Bruckner's bekannteste Symphonie, die vierte, zum erstenmale in ihren Konzerten. Bruckner nennt diese Symphonie die "romantische". Vermuthlich wegen des waidmannsfrohen Scherzo; im Uebrigen geht es Bruckner mit der Romantik wie Goethe mit den Lustspielen. "Wo nimmt Goethe Stoff zum Lachen?" Der alte Meister steht mit seiner durch Schicksal und Krankheit unerschütterten Naivetät einem Publikum gegenüber, das ihn theils enthusiastisch verehrt, theils ihm verständnißlos begegnet, verständnißlos bis zu einem Grade, daß es meint, es verlohne nicht, Bruckner verstehen zu wollen. So konnte man am vorletzten Sonntag wieder ohrenbetäubenden Jubel vernehmen, indeß die schönstgekleideten Abonnenten und Abonnentinnen nach jedem Satze zu dem durch die Philharmoniker so oft in unverantwortlicher Weise gefährdeten Braten nach Hause eilten. Wäre es Herrn Richter darum zu thun gewesen, den Erfolg des im Saale anwesenden Meisters zu einem vollständigen zu machen, so hätte er die Symphonie, wie es kürzlich mit Tschaikowsky's "Pathetischer" geschehen, an die Spitze, statt an den Schluß des Programmes stellen müssen. – Ohne das leidige Parteiengezänke müßte das Urtheil über Bruckner längst zur Klärung gekommen sein. An Fülle der Eingebungen und polyphonen Gewalt kommt ihm unter den Lebenden wohl keiner gleich; aber den Gefahren seines quellenden Gedankenreichthums weiß er nicht immer zu begegnen und dem gegebenen Formensinn will er keine Zugeständnisse machen. Doch ist es echtes Genie, das sich nun zur Genugthuung aller wahren Kunstfreunde durchgesetzt hat. Bruckner hat sich erlebt [sic] und noch nicht sein letztes Wort gesprochen. – Neu war uns ein Musikstück von Richard Strauß, [... Till Eulenspiegel ...]. Dergleichen Musik gehört auf die psychiatrische Klinik. Mozart's dreisätzige Symphonie in D-dur (Köchel's Verzeichniß 501 [sic]) fand eine wenig liebevolle Ausführung. Die Hebriden=Ouverture (Fingalshöhle) wurde, wie immer, genau angehört und lebhaft applaudirt.
Auch das jüngste Gesellschaftskonzert brachte einen Bruckner und zwar sein Tedeum, das zuletzt im Jahre 1891 in den Gesellschaftskonzerten gehört wurde. Der himmelstürmende Schluß hat auch diesmal seine Wirkung nicht verfehlt. Die Besetzung des Soloquartetts hätte allenfalls einer Schaar von Gläubigen zu Danke gesungen, ein kritisches Konzertpublikum stellt aber andere Forderungen. Vorher ging die Erstaufführung [... Rameau/Mottl ... Brahms ...], endlich das Musikstück "Tanzmomente" von Herbeck, welchem wir nur eine etwas temperamentvollere Ausführung gewünscht hätten. Der Chor unter Perger's Leitung sang ebenso sicher, als wohl abgetönt. – Hervorragendes Interesse konnte dieses Programm nicht erwecken.
[... über weitere Konzerte ...] . B. B–t." (*).
(3. Gesellschaftskonzert unter Richard von Perger mit Werken von Händel, Brahms [vermutlich das Violinkonzert mit dem 13jährigen Bronislaw Huberman als Solisten (**a)] und Massenet (**)).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189602095, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189602095letzte Änderung: Sep 05, 2023, 15:15