Besprechungen der gestrigen Aufführung der 4. Symphonie
durch Petrich in der Grazer Tagespost (*a)
und Fr. v. Hausegger im Grazer Tagblatt Nr. 309 auf S. 1f des Abendblatts:
"Erstes Concert des Steiermärkischen Musikvereines.
Jeder bedeutende Künstler hat Gegnerschaft gefunden. Dies hat nicht bloß geistige, sondern auch physiologische Ursachen. Der Künstler ist den Zeitgenossen in der Ausbildung seiner Sinne überlegen. Dies gilt namentlich von dem sich ungemein rasch zu immer größerer Aufnahmsfähigkeit entwickelnden Ohre. Ueberladene Instrumentierung wurde schon Mozart vorgeworfen. Die Klage hat sich jedem großen Meister der Tonkunst gegenüber wiederholt bis in die neueste Zeit. Diese Thatsache allein sollte zur Vorsicht in der Beurtheilung mahnen. Freilich würde eine solche Vorsicht im Widerspruche stehen zu dem, was das Lebenselement der heutigen Kritik bildet: Alles besser zu verstellen, Ergebnisse, um welche sich der Künstler in gründlichster Selbstbeobachtung und eifrigstem Bestreben jahrelang müht, im Augenblicke fertig zu haben. Dabei kommen ihr Unempfindlichkeil, Sorglosigkeit, Zähigkeit zustatten, welche sich durch keine schlimme Erfahrung, durch keinen Fehlschluss, durch keine Beschämung beirren lassen. Die Kritik lebt förmlich von ,,Blamagen".
In unserer Zeit dient das Parteigetriebe zu ihrer Abhärtung. Man hat sich zu sehr daran gewöhnt, alles vom Parteistandpunkte aus zu betrachten und zu beurtheilen. Einseitigkeit gilt dabei als Tugend, Schroffheit als Vorzug, Verlogenheit als Muth. Die Partei entschuldigt alles; grelle Unwissenheit, plumpe Roheit und hinterhältige Ränkesucht dienen ihr als geeignete Waffen. Wie erwünscht doch, diese auch auf dem Gebiete der Kunst mit Erfolg anwenden zu dürfen, wenn die Voraussetzungen zu verständnisvollen und gewissenhaften Urtheilen fehlen! Dass dabei gerade die Größten, gerade diejenigen, welchen Begabung und Können führende Rollen anweisen, am schlechtesten wegkommen, ist begreiflich.
War der von mir gedachte Ausgangspunkt dieser Betrachtungen Bruckner, der Anlass dazu die Aufführung seiner vierten Symphonie im Musikvereins-Concerte, [... der komplette Text ist über den Link oben zu lesen ... über den Solisten des Bruch-Konzerts ...]. Die Kritik darf den ihm wie auch allen unter der umsichtigen Leitung des Herrn Degner sorgfältig und warm ausgeführten Orchesterleistungen gespendeten lebhaften Beifallsbezeigungen beistimmen. Dr. Friedrich v. Hausegger." (*b).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189711085, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189711085letzte Änderung: Aug 31, 2026, 13:13