zurück 23.1.1899, Montag ID: 189901235

Max Graf schreibt im Wiener Montags-Journal Nr. 887 auf S. 1f:
"        Künstler und Kritiker.
             Von Dr. Max Graf.
     Beim letzten Concerte Meschaert ereignete sich ein kleiner Zwischenfall, der interessant und charakteristisch genug ist, um zu einigen Bemerkungen Anlass zu geben.
     Dieser liebenswürdige, gutmüthige und ein wenig feminine Sänger hat in einem Anfalle von naivem Heroismus den Muth gefunden, als Zugabe ein gefährliches Lied von Hugo Wolf zu singen. Das Schlusslied aus dem Möricke-Cyclus, welches anmuthig schildert, wie der Dichter den Besuch eines Recensenten empfängt, diesen die Treppe hinabwirft, und die philosophische Bemerkung daran knüpft, er habe noch nie einen Menschen so schnell die Treppe hinabgehen gesehen. Dieses Gedicht hat Wolf in ganz eigenartig genialer Weise komponiert. [... Reaktion der Kritiker ...] Die einen machten ein verlegenes Gesicht. Andere waren entrüstet. Einer neben mir schrie fortwährend laut: Scandal, Scandal. Nur der alte, treue, kritische Partisan Wolfs, Herr Dr. Helm, machte ein vergnügtes und behaglich schmunzelndes Gesicht. Es war eine erquickend aufgeregte Scene.
     Der beliebte Sänger wusste offenbar nicht, in welches Wespennest er gestochen hatte. Er hatte jenes Lied gesungen, mit welchem Wolf jenen Wiener Recensenten die Antwort gegeben hatte, welche ihm nie verzeihen konnten, dass ihm ein Paukenschlag von Bruckner lieber war, als eine Symphonie von Brahms, und den Wiener Künstler zu einer Zeit noch todtschwiegen, da in Deutschland bereits Hugo Wolf-Vereine gegründet wurden. [...]."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189901235, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189901235
letzte Änderung: Okt 31, 2026, 17:17