Das Unterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 116 (Beilage zum "Vorwärts" Berliner Volksblatt Nr. 141 ) bringt auf S. 3 (= S. 463) einen Feuilleton-Artikel:
" Die Wege der modernen Musik.
(Einige Betrachtungen zum Münchener Tonkünstlerfest.)
Nicht an einem Tag und nicht mit einem Schlag dringen die großen Kunstwerke ins Volksbewußtsein. [... in München keine Experimente, eher Schülerarbeiten, Unselbständiges mit Nachahmungssucht ...]. Auch Bruckner, dessen Werke in Deutschland noch immer um die Anerkennung zu kämpfen haben, die seinem Genius gebührt, findet zwar diesmal keinen Epigonen, wohl aber Kompositionsschüler, die seinen Stil kopieren. Doch diese Erscheinung der Brucknerkopie blieb vereinzelt und so käme der österreichische Meister diesmal weiter nicht in Betracht, wenn nicht gerade an ihm die modernste Musik in einer ganz folgerichtigen Theorie angewandt würde. Um es mit einem Wort zu sagen, wir stehen jetzt vor der physiologischen Musik. Der Ausdruck stammt von den Theoretikern selber.
Ein junger Münchner Musiker und Musikschriftsteller, Eugen Westarp hat die Erkenntnis, daß jede Kunst, auch die musikalische, ein Gutteil ihrer Wurzeln im Leiblichen, im Organischen, im Sexuellen hat, eine Erkenntnis, die so alt ist wie die Kunst selber und keinem wirklichen Künstler jemals verborgen war, zu einer Anwendung auf Bruckner benutzt. Er will beweisen, daß die ersten Entwürfe Bruckners ihren physiologischen Ursprüngen viel näher stehen, als die endgültige Fassung. Dies mag schon seine Richtigkeit haben. Aber etwas anderes ist es um die Absichten des Komponisten, und die Absicht jeder Kunst und jedes Künstlers ist es immer gewesen, die Quellen zu verdecken. [...]. Dr. D. J. Bach."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190806195, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190806195letzte Änderung: Jun 15, 2026, 9:09