zurück vermutlich nach dem 10.9.1908 ID: 190809106

Brief von Heinrich Schenker an Karl Grunsky:
"[. . .] Kunst bei ihm deutlich nur darauf ausgeht, Inhalt mühevoll u. künstlich zu beschaffen, statt, daß sie wie bei den Meistern, umgekehrt mit der Forderung des Inhaltes gebracht wird. Oder anders: bei diesen letzteren bringt der Fluß des Inhaltes alle Künstlichkeiten des Satzes (im guten u. notwendigsten Sinne verstanden!) mit sich, während bei Br. [Bruckner] die Künstlichkeiten dazu da sind, den Inhalt zu beschaffen, a[uch] diesen Zweck ebenso naiv als drastisch zur Schau tragen, als der Ekstase ihren Selbstzweck zur Schau träg[t]. . . . Nehmen Sie irgend ein Werk von Beeth. oder von Brahms: wie schwer fällt es da oft, die thematischen Bezüge zu eruieren, selbst den musikalischsten Ohren! So verschleiert, so unbewußt, so leicht, daß man die Hauptfabel ohne Störung hören kann, ohne zu ahnen, woher sie ihren Stoff nähme? Bei Bruckner liegt alle Tendenz zu sehr obenauf. . . . Hoffentlich sehen Sie aus diesen sehr flüchtigen Andeutungen, daß ich Br. viel vorzuwerfen habe an technischen Rückständigkeiten, wie man ähnliche doch längst nicht mehr einem Ph. Em. Bach, Haydn, Mozart u. Beeth u.s.w vorwerfen könnte."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190809106, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190809106
letzte Änderung: Feb 02, 2023, 11:11