Brief von Heinrich Schenker an Karl Grunsky:
"[...] Denn, sehen Sie, als ich Bruckner am Conservatorium zum Lehrer hatte, liebte ich ihn maßlos wegen seiner—echten Frömmigkeit, diese erinnerte mich an die Frömmigkeit meines eigenen Vaters, der, trotzdem er Arzt war . . . u. nichts genoß ich an ihm so sehr, als die Kraft des Glaubens. In die entsetzliche Großstadt aus der Provinz verpflanzt, war es mir eine Wohltat, bei Bruckner—zumal einem Komponisten—den Glauben, voll wunderbarer Wirkungen, wieder anzutreffen. Ich empfand es dankbar gegen das Schicksal, das mir vergönnt hat, zu sehen, welche Kraft im Glauben steckt, die den Weg der Kunst geht, u. dachte an die echt gottesfürchtigen Haydn’s, Bach’s, Beethoven’s, etc. [...]
[...] Als Haydn, Mozart u. Beeth. schufen, waren keine Lehrbücher von Marx, Riemann, etc. auf dem Markte; wenn je ein Mensch, so waren es sie, die blos dem Instinkt zu folgen hatten. Bruckner aber fand die Form vor, u. hatte mit vollstem Bewußtsein, wie oft sprach er doch selbst davon zu den Schülern!—die Form, freilich wie er sie sah (u. er sah sie schlecht, das ist es eben!) sich anzueignen u. fortzusetzen gesucht. Ich denke, bei Bruckner waltete weniger Instinkt zur Form, als bei den erstgenannten Meistern."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190809236, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190809236letzte Änderung: Aug 17, 2025, 19:19