zurück 11.4.1920, Sonntag ID: 192004115

Die Mississippi-Blätter Nr. 10 (Westliche Post, St. Louis, Missouri) bringen auf S. 12 einen ausführlichen Artikel über Bruckner und Liszt:
"               Musikalische Betrachtungen.
Franz Liszt und Anton Bruckner in ihrem Schaffen.
     Den einst die Väter einen Tollen nannten, verehren die Söhne oft als erwählten Apostel. [... über anfänglich unverstandene Werke ...].
     "Ich kann warten", sagte Franz Liszt einmal, [... in Rom ...]. Es liegt eine ungeheure Resignation in diesem Worte, das auch Anton Bruckner gesagt haben könnte. Man hatte den Kosmopoliten Liszt als Pianisten angestaunt, geliebt und vergöttert, aber man wandte sich ab, als er seine großen Werke, die Dante- und Faustsinfonie, das Christusoratorium und die Elisabethlegende, die H-Moll-Sonate und die Graner Messe schrieb. Und Bruckner? Lange Zeit  ging man an dem ehemaligen Dorfschullehrer vorüber, der erst im 44. Lebensjahre als Tonsetzer recht eigentlich vor die Oeffentlichkeit trat, nachdem er mit der ersten Sinfonie den Grundstein seines musikalischen Lebenswerkes gelegt hatte. Bei seinem Tode begann die Erkenntnis zu dämmern, daß einer der größten Künstler abgeschieden sei.
     Der epochemachenden Tat des Gewandhausorchesters verdankt Leipzig die zyklische Aufführung der neuen Sinfonien Bruckners [prov. WAB 86]. Und seine kirchlichen Werke schon sehr zeitig aufgeführt zu haben, gereicht dem Leipziger Riedel-Verein zu besonderem Ruhm. Das Bußtags-Konzert bringt die F-Moll-Messe und Liszts 13. Psalm für Tenorsolo – Grund genug, zuvor bereits die Aufmerksamkeit auf diese hervorragenden kirchenmusikalischen Werke zu richten.
     [... über Liszt und den 13. Psalm ...].
     Wie Liszt stand auch Bruckner zu seiner Kunst in einem fast religiös zu nennenden Verhältnis. Die Musik war ihm ein und alles, Offenbarung und Prophetin, Mysterium und Eingang zu einer gottdurchdrungenen Welt. Sein Schaffen ruhte auf Bach, Beethoven und Wagner, und seine Melodik knüpft an den größten deutschen Lyriker, Franz Schubert, an.
     In Bruckners Persönlichkeit identifizierten sich Mensch und Künstler völlig. Am Kirchenkomponisten Bruckner ist alles echt und wahrhaft, und bei ihm finden sich die religiösen Gefühlswerte und künstlerischen Kräfte restlos in Einklang gebracht, wie dies auch die erste [sic] Messe in F-Moll erweist. Kongenial ist der ehrwürdige Messetext inhaltlich erfaßt und so in die Gesfühlssprache üebrsetzt, daß der Hörer sich vom Genius dieses Meisters unmittelbar ergriffen und emporgetragen fühlt. Zuweilen werden die Schranken durch die Sehnsucht nach dem Göttlichen, ähnlich wie in Beethovens Hoher Messe, fast durchbrochen, denn des Meisters gewaltige Subjektivität läßt allen theoretischen Formelkram oft beiseite, stellt sich unbewußt die eigene Regel auf als Form für seine Gedanken. Unentwegt auf dem Boden strenger Kirchlichkeit verharrend, entwickelt Bruckner in der F-Moll-Messe, ihren Vokalpartien und ihrem Instrumentalsatz, eine erstaunliche und bis ins letzte gehende Charakterisierung und führt alles Gewollte in der Tat auch künstlerisch aus und durch.
     Beide Werke, der Psalm und die Messe, rufen zu innerer Einkehr und Selbstbesinnung, beide Meister haben im Streben wie im Lebensschicksal manches Gemeinsame; so weit sie sich immerhin voneinander unterschieden, in einem fanden sie sich zusammen: in der Unerschütterlichkeit ihres Strebens und im Bewußtsein ihres Gottes." (*).
 
Das Neue Wiener Tagblatt berichtet von der Gründung des Bruckner-Bundes in Wien unter dem Präsidenten Dr. Felix Decker (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 192004115, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-192004115
letzte Änderung: Aug 29, 2025, 14:14