zurück (5.12.1865, Dienstag) ID: 186512055

Brief von Karl Mayrberger an den »Frohsinn«:
»Euer Wohlgeboren! 
   Vor allem den tiefgefühltesten Dank für das für mich so ehrenvolle gütige Schreiben vom 2t. dMts., welchen Dank ich auch dem Herrn Vorstande in meinem Namen auszudrücken bitte.
   Ich werde nicht ermangeln, seinerzeitig das Gesuch, für welches der Einsendungstermin, ich glaube wenigstens mit 31. Dezember l. J. abläuft - zu übermitteln. Da ich jedoch die Ausschreibung nicht selbst gelesen, sondern dieselbe mir von einem Freunde bloß mitgetheilt wurde, und ich das betreffende Blatt der „neuen freien Presse” nicht mehr erlangen kann, so bitte ich Euer Wohlgeboren recht sehr mir die Ausschreibung gefälligst übersenden zu wollen natürlich auf meine Kosten.
   Da ich aber schon mitten im Bitten bin so erlaube ich mir noch eine zu stellen und zwar mir gütigst die Nachricht zukom[m]en zu lassen, ob man in Linz auf Musikstunden rechnen könne, da wie Euer Wohlgeboren ohnehin wissen werden, daß der Musiker von Fach, wenn auch als besoldeter Chormeister doch immer noch nebenbei auf Stunden angewiesen ist.
   In der Voraussetzung daß mir Euer Wohlgeboren ob dieser Belästigung nicht zürnen werden, zeichnet sich achtungsvollen Sängergruß beifügend
Euer Wohlgeboren
ergebenster
Karl Mayrberger. Preßburg am 5. Dezember 865.«

Der Entwurf des Antwortschreibens (unleserlich unterschrieben von Jos ...? vermutlich der am 27.10.1865 gewählte Sekretär Josef Löcker) befindet sich auf demselben Dokument [nach dem 7.12.1865]:
»Euer Wolgeboren!
   Durch viele Geschäfte sehr in Anspruch genommen, kom[m]e ich heute erst zur Beantwortung Ihres werthen Schreibens v. 5. dMts u. bitte die Verzögerung zu entschuldigen.
   Ihrem Wunsche zufolge theile ich Ihnen die [unleserlich: ...und? oder Vereins?] Kundmachung wörtlich mit.
   „Bei der L. T. Frohsinn in Linz ist die Chormeisterstelle mit einem fixen Jahresgehalt von 300 f öW sogleich zu besetzen. Bewerber wollen sich unter Nachweisung ihres Alters, ihrer Stellung u Befähigung bis längstens Ende 865 an den gefertigten Vereins Vorstand wenden, welcher die näheren Auskünfte ertheilen wird [/] Dr Mathias Weismann [/] Linz No. 872. [Ende des Zitats]
   Was Ihre weitere Frage bezüglich Erlangung von Musikstunden betrifft, halte ich mich verpflichtet, Euer Wolgeboren reinen Wein einzuschenken. Es wird sehr schwer halten, hier in Linz bei der großen Anzahl von Musiklehrern, wenigstens für die ersten Jahre Musikstunden zu erlangen.
   Euer Wolgeboren würden gewiß wenigstens für die ersteren Jahre auf Musikstunden nicht rechnen können, da es hier in Linz bei der übergroßeren [sic] Anzahl von Musiklehrern sehr schwer ist Lektionen zu erhalten. Die bereits anwesenden Musiklehrer sind hier schon bekannt u. so hungriger Natur, daß sie einem neuen Konkurrenten stets hindernd im Wege tretten [sic], so zwar, daß Euer Wolgeboren trotz Freunden u. Gönnern kaum auf eine ergiebige Einnahme durch Lektionen  rechnen könnten [darüber die Korrektur:] erzielen würden. Auf diesem Felde ist es schwer in Linz etwas zu erreichen. Ich rathe Euer Wohlgeboren freundschaftlichst auf ein Nebeneinkommen in dieser Richtung keine Rechnung zu machen. Denn die Enttäuschung würde bitter sein. Die L. T. beabsichtigt den neuen Chormeister zu verhalten eine Gesangsschule für Männer zu eröffnen um Mitglieder heranzubilden. [im Folgenden viele Wörter kaum eindeutig zu entziffern] Die Zalung [unleserliches Wort] haben [heben?] aber u. [in?] d. J. ein billiges Honorar die Theilnehmer zu bestreiten. Doch [?] auch dieß nur ein ungewißes Feld auf Verdienst [?]. Hier sind nur die 300f Besoldung. Es komt mich schwer an, Ihnen solche Mittheilungen machen zu müssen, weil ich damit vielleicht [?] einen uns allen sehr liebgewordenen Mann abschrecke sich in Competenz zu setzen u. wir hierbei die Aussicht auf ein [sic] Chormeister verlieren, der in jeder Richtung die Eigenschaften besitzen würde unsern Verein zu heben. Doch als Mann halte ich es für meine erste Pflicht Ihnen gegenüber offen zu handeln und Licht u. Schatten genau zu sondern. Ich lege Ihnen zugleich das Program[m] unseres letzten Concertes bei. Hoffend, Ihren Wünschen bestens entgegen gekommen zu sein, bitte ich meine Offenheit richtig zu beurtheilen u. zeichne mich achtungsvollen Sängergruß u Handschlag beifügend
E W 
ergebenster 
Jos Löcker [?]«


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 186512055, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-186512055
letzte Änderung: Jun 19, 2025, 13:13