zurück 29.8.1875, Sonntag ID: 187508295

Artikel über Bruckners Orgelspiel in Steyr im Alpenboten, S. 3f:
»Oertliches. [...]
(Ein seltener Kunstgenuß.) Unser Landsmann, der berühmte Hoforganist, Compositeur und Professor des Conservatoriums von Wien, Herr Bruckner [...] ergötzte uns letzten Donnerstag Nachmittags 4 Uhr in der hiesigen Stadtpfarrkirche mit einigen Vorträgen auf unserer als ausgezeichnet bekannten Orgel. [...] Die erste Pièce, eine Phantasie über diverse Themata, erregte ebenso das Gemüth und die Herzen aller Zuhörer durch die Weichheit der Töne und des Spieles, wie die zweite, die durch die ergreifende Kraft und Fülle der schwellenden Accorde bei lautloser Stille auf allen Mienen volles Erstaunen und Bewunderung erkennen ließ. Und erst, als zum Schlusse der Künstler das berühmte Alleluja von Händel improvisirte, da fühlte wol Jedermann mehr als je, wie die Macht der Töne hinreißend wirkt auf das musikalische Gemüth des Menschen [... der Wunsch, Bruckner öfter hier zu sehen ... Steyr und das engere Vaterland wüßten seine enormen Verdienste zu würdigen], wenn sich auch leider oft das Sprichwort bewahrheitet: nemo propheta in patria.
   Und so rufen wir ihm dankerfüllten Herzens und voll Bewunderung für seine Kunst zu: „Auf baldiges, frohes Wiederseh'n.” - » (*) .

(**) In der Linzer Zeitung ist zu lesen:
»Steyr, 27. August. (Orgel=Concert.) Gestern, um 4 Uhr Nachmittags, spielte unser rühmlichst bekannter Landsmann Herr k. k. Hoforganist und Professor des Contrapunktes Anton Bruckner auf Ansuchen einiger Freunde einige Tonstücke auf der Orgel der hiesigen Stadtpfarrkirche mit gewohnter Meisterschaft. Besonders das letzte Stück mit dem Motto aus Händels Alleluja packte unwillkürlich die versammelten Kunstfreunde und Zuhörer, die in andachtsvoller Stimmung den Harmonien des Meisters lauschten, und nur mit Mühe sich zurückhalten konnten ob der Heiligkeit des Ortes, ihre Beifallsbezeugungen laut kundzugeben.
Wir begreifen, daß man auch im fernen London diese Orgelsprache Bruckners verstand und würdigte, wir begreifen aber nicht, daß dieser geniale Tonkünstler in unserem heimatlichen Wien noch immer nicht jene Stellung erlangt hat, die seinem Wissen und Können vollständig entspricht.« (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 187508295, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-187508295
letzte Änderung: Mai 15, 2025, 22:22