Bruckner nimmt seine Gebetsaufzeichnungen (lückenlos bis zum 23.7.1894) wieder auf (*).
Das Musikalische Wochenblatt Nr. 23 beschäftigt auf S. 276 sich im »Wiener Musikbrief« [Theodor Helms] mit dem Konzert vom 8.10.1893, bei dem »Helgoland« aufgeführt wurde:
" Wien.
(Fortsetzung.)
Bevor ich nun an eine summarische Darstellung der zahllosen, noch nicht besprochenen Soloconcerte der Saison gehe, ist noch einiger grösserer Musikaufführungen zu gedenken. Zunächst des anlässlich seiner 50jährigen Gründungsfeier veranstalteten Festconcertes des Wiener Männergesangvereins am 8. October 1893. [...]. Die künstlerisch werthvollste, bedeutendste Festgabe war aber unstreitig Anton Bruckner's "Helgoland", ein geniales Stück von grossartiger Ausdruckskraft und Klangwirkung, dabei ganz neue zauberische Harmonien enthüllend, hinreissend in seiner letzen Schlusssteigerung. Wie in ihren oben genannten Compositionen Bruch und Gernsheim führt uns auch Bruckner – an der Hand des Textverfassers Dr. August Silberstein – in die graue Vorzeit, aber einen wesentlich anderen, reckenhaft germanischen Ton anschlagend. [... Inhalt des Gedichtes (kompletter Text über den Link lesbar) ...]. Es ist erstaunlich, mit welcher packenden Urkraft unser greiser Bruckner, in dieser Gelegenheitscomposition fast wieder zum feurigen Jüngling geworden, für jede Wendung des Gedichtes den überzeugenden Ausdruck trifft. Wenn Etwas die starke Wirkung beeinträchtigt, so ist es die allzuhäufige, die Sänger übermüdende Verwendung höchster Tenortöne, die einem minder sattelfesten Chorverein sogar gefährlich werden könnte. Trotzdem und auch ungeachtet der zum Theil allzuwuchtig behandelten, die Sänger deckenden Blechharmonien, sowie einzelner Klanghärten erweckte Bruckner's Novität unter den Zuhörern stürmische Begeisterung, und wurde der Componist, als man von seiner Anwesenheit im Saale erfuhr, nicht nur mehrmals gerufen, sondern später auch noch auf offener Strasse vielfach beglückwünscht. Ich kann mir nicht versagen, unter den vielen harmonischen Schönheiten der übrigens, wie gesagt, höchst schwierig auszuführenden Composition die kühn und sich doch wie von selbst ergebende Modulation G moll-Fisdur in der schmerzlich klagenden unbegleiteten Chorstelle "O weh um die Stätte", dann die Uebergänge auf Seite 14–15 des (von S. Hynais verfassten) Clavierauszuges, endlich den grossartigen Durchbruch von Desdur durch Amoll und Emoll nach dem glanzvollen Gdur vor dem unmittelbaren Schluss des Ganzen – hervorzuheben. Von dem Programm des Festconcertes wäre sonst noch zu erwähnen [...]. Selbstverständlich zeigte sich der Männergesangverein in dem Festconcert unter Kremser's und der auswärtigen Dirigenten Leitung namentlich in Bezug auf dynamische Wirkungen vom kaum vernehmbaren Pianissimo bis zur Entfaltung grandioser Schallmacht auf der höchsten Höhe seiner Leistungsfähigkeit. Es war auch, abgesehen von der glanzvollen äusseren Phyiognomie des Concertes, ein Ehrentag für denVerein, wie er noch keinen schöneren gefeiert.
[... über weitere Konzerte ...].
(Fortsetzung folgt.)" [Signatur am 20.9.1894 auf S. 473: "Dr. Theodor Helm."] (**).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189405315, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189405315letzte Änderung: Sep 27, 2023, 13:13