Theodor Helm würdigt in der Österreichischen Musik- und Theaterzeitung VIII, Nr. 25 auf S. 1 Nikisch als Bruckner-Dirigenten:
"Die 32. Tonkünstler-Versammlung des Allgem. deutschen Musikvereines in Leipzig.
(28. Mai bis incl. 1. Juni 1896.)
Bericht von Dr. Theodor Helm.
(Schluss.)
Unbedingt die grossartigsten instrumentalen Eindrücke des ganzen Festes verdanke ich dem am Abend des 29. Mai unter Arthur Nikisch' Leitung gegebenen ersten Orchesterconcerte. [...]
Dem jetzigen Leiter der Gewandhaus-Concerte gebührt aber auch das Verdienst, vor mehr denn 10 Jahren (nämlich am 30. December 1884) im Stadttheater zu Leipzig Bruckner's gewaltige siebente Symphonie in E zum überhaupt erstenmale aufgeführt und dadurch in Deutschland, ja rückwirkend auch in Oesterreich, das Eis für den genialen Wiener Tonmeister gebrochen zu haben. Umsomehr befremdete es mich, dass Nikisch diesmal auf dem Leipziger Musikfeste Bruckner ganz unvertreten liess. Er führte statt einer Bruckner'schen die erste Symphonie von Brahms in C-moll auf. Nun gilt dieses Werk bereits seit der ersten Aufführung in Carlsruhe (4. November 1876 unter Dessoff's Leitung) allerwärts in Deutschland als eine der bedeutendsten Nach-Beethovenschen Schöpfungen und ist auch in allen grösseren Musikstädten wiederholt aufgeführt worden. Von Bruckner kennt man aber in Leipzig eben nur die siebente Symphonie (und selbst diese noch weitaus nicht gründlich genug), alle übrigen sieben Symphonien des Wiener Meisters sind den Leipzigern fremd, und der Allgemeine deutsche Musikverein als solcher hat überhaupt noch nie (!) eine ganze Brucknersche Symphonie auf seinen Musikfesten aufgeführt, sondern nur das Adagio aus der siebenten Symphonie je einmal in Carlsruhe (1885) und München (1893), dann den 1. und 3. Satz der „Romantischen” (Nr. 4, Es-dur) 1886 in Sondershausen. Nun heisst es aber ausdrücklich in den Vereinsstatuten, dass auf den Musikfesten hauptsächlich bedeutende, wenig gehörte Tonwerke neuerer Componisten zur Aufführung zu wählen seien.
Dass also aus den angeführten Gründen Bruckner vor Brahms diesmal den Vorzug verdiente, liegt auf der Hand und wird kein Unparteiischer bestreiten können. [... Nikisch habe aber wenigstens die Brahms-Symphonie herrlich dirigiert ...]" (*).
Auf Seite 9 wird eine Aufführung der 5. Symphonie unter Weingartner in Berlin angekündigt:
" Mittheilungen und Notizen.
[...]
– Dr. Anton Bruckner's noch wenig gehörte V. Symphonie wird in nächster Saison in einem Symphonie-Abende der königl. Capelle zu Berlin unter Leitung Weingartner's zur Aufführung gelangen. Auch Alexander Glasunow's IV. Symphonie ist zur Aufführung bestimmt worden." (**).