zurück 30.10.1897, Samstag ID: 189710305

Das Deutsche Volksblatt Nr. 3172 meldet auf S. 7, daß Bruckner von Dr. Reinisch in dessen Rede am [28.10.1897] erwähnt wurde: "     *   [Prorector Dr. Reinisch über Anton Bruckner.] Professor Reinisch führte unter Anderem in seiner Rede während der Inauguration Folgendes aus: Am längsten hat sich die musikalische Gesellschaft Wiens gegen den größten vaterländischen Symphoniker ablehnend verhalten, weil Bruckner, in welchem ein Glanzstern erster Größe der Universität und der gesammten Musikwelt er­loschen sei, als begeisterter Anhänger Richard Wagner's sich die Gunst der tonangebenden Wiener Journalistik verscherzt hatte, und erst nachdem Bruckner auf seinen Kunstreisen in Deutschland, Frankreich und England geradezu unerhörte Triumphe gefeiert hatte, gelang es ihm auch allmälig, Wien zu erobern. Im Jahre 1875 erfolgte seine Berufung als Lector an die Wiener Universität. Der Andrang der begeisterten akademischen Jugend zur ersten Vorlesung Bruckner's war, wie ein Augenzeuge berichtet, nur dem Sturme bei der Antrittsvorlesung Schiller's in Jena zu vergleichen. Unsere Universität hat sich selbst die höchste Ehrung dadurch zugewendet, daß sie im Jahre 1891 Bruckner die Doctorwürde verlieh. Zum Schlusse gedenkt der Gelehrte der begeisterten Bestrebungen des Wiener Wagner-Vereines, dem zumeist das größte Verdienst dafür gebühre, daß die genialen Schöpfungen Brnckner's in Wien zum siegreichen Durchbruch gelangt seien. Und diese akabemische Jugend, ruft Redner aus, hat treu zum Meister gehalten bis au seinen Tod! – – – " (*).

Dasselbe Ereignis wird von der Wiener Allgemeinen Zeitung Nr. 5902 auf S. 2 in anderem Licht gesehen:
"     [Universitäts-Fanfaren.] Die Rede, welche der Prorector Professor Dr. Leo Reinisch gestern anläßlich der Inauguration des für das laufende Studienjahr ge­wählten Rectors, Professor Dr. Karl Toldt, von Stapel ließ, bot einige Uebcrraschungen durch die ex cathedra-Lösung verschiedener Gebiete berührender, sehr einschneidender Fragen. Professo[r] Reinisch bekannte sich zunächst als stricter Parteigänger der Emancipation der Frauen, denen er die Fähigkeit mit dem Manne auf allen Gebieten des geistigen Lebens und Handelns in Wettbewerb zu treten ohneweiters zusprach. Mußte schon die selbstbewußte Art, in der Professor Reinisch diese uns so schwierig dünkende Frage als mit seinem Rectorat definitiv abgeschlossen hinstellte, einiges Er­staunen erregen, so verblüffte völlig die musikalische Heiligsprechung des verstorbenen Lectors der Universität, Dr. Anton Bruckner's. Wir sind keineswegs gewillt, uns der Verbreitung des Ruhmes dieses auch von uns für genial gehaltenen Componisten entgegenzustellen. Unserer bescheidenen Meinung nach aber gereicht eine allzu dicke Instrumen­tation und übermäßiger Blechlärm einer Universitätsrede nicht gerade zur Zierde. Wenn Professor Reinisch Anton Bruckner als einen „Glanzstern erster Größe der Universität und der gesammten Musikwelt" bezeichnet, so wollen wir uns gerne mit unserem Wunsche, daß diese Werthschätzung von der Mit- und Nachwelt ratificirt werde, anschließen. Die „von Augenzeugen" bestätigte Versicherung aber, daß der Andrang der akademischen Jugend zur ersten Vorlesung Bruckner's nur mit dem Sturme bei der Antrittsvorlesung Schiller's in Jena zu vergleichen gewesen sei, ist mindestens ebenso gewagt, als die Motivirung des so lange ausgebliebenen Erfolges der Werke Brnckner's. Als begeisterter Verehrer Richard Wcrgner's, meinte der Redner, habe der Componist die Anerkennung der maßgebenden Musikkritiker nicht finden können. Ja, woher kam denn der ungeheuere, noch heute immer wachsende Erfolg Wagner's – der die Opposition der gesammten kritischen Welt zu überwinden hatte? Freilich, von einem Aegyptiologen ist cs nicht zu verwundern, wenn er hie und da pyramidale Behauptungen aufstellt!" [keine Signatur] (*a).

Die Deutsche Zeitung berichtet von der soeben gestarteten Konzertreihe des Duesberg-Quartetts und äußert den Wunsch, auch Bruckners Quintett zu berücksichtigen (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189710305, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189710305
letzte Änderung: Aug 31, 2026, 9:09