Im Grazer Tagblatt Nr. 340 erscheint auf S. 21 eine Kritik von Dr. Wilhelm Kienzl zur gestrigen Aufführung der 4. Symphonie:
" (Achtes Spörr-Concert.) Die Aufführung einer Bruckner'schen Symphonie sollte auf alle Musikmenschen mit der Macht eines Ereignisses wirken. Dass dies gestern nicht der Fall war (es hatten sich nur wenige — wenn auch andächtig lauschende— Zuhörer im Rittersaale eingefunden), wird zwar einigermaßen dadurch erklärt und entschuldigt, dass die zu Gehör gebrachte vierte Symphonie (die „romantische" in Es-dur) des Meisters im Laufe weniger Wochen bereits dreimal gemacht worden ist, ferner durch die ungünstige Nachmittagsstunde und das schlechte Wetter; beweist aber andererseits auch, dass der idealistisch gesinnte und thatkräflige Kapellmeister Herr Spörr den berühmten Musiksinn der Grazer doch etwas stark überschätzt hat. Das Orchester und sein tüchtiger Leiter schienen gestern für den Vortrag des schwierigen Werkes, dessen großartige Eigenschaften wie bedauerliche Schwächen (ich meine den unglücklichen Schlusssatz) kürzlich an dieser Stelle ausführlich dargelegt worden sind, ganz besonders disponiert zu sein. Die Symphonie wurde ganz ausgezeichnet gebracht. Man merkte, dass alle Betheiligten mit dem Werke durch das wiederholte Spielen ganz und gar vertraut waren. Es brauste aber auch ein Beifallssturm durch den Saal, der das Ohr über die geringe Zahl der Anwesenden täuschen konnte. Dies die verdiente Entschädigung für Herrn Spörr. [...] Dr. Wilh. Kienzl."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189912085, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189912085letzte Änderung: Dez 30, 2025, 22:22