zurück 27.1.1900, Samstag ID: 190001275

Besprechungen der 5. Symphonie
durch Schuch in der Abendausgabe des Grazer Tagblatt Nr. 27 auf S. 1f:
"        15. Spörr-Concert.
Herr Musikdirektor Martin Spörr hatte auf die Vortragsordnung seines sechsten „historischen" Con­certes Anton Bruckner, Wilhelm Kienzl und Richard Strauß gesetzt. [...].
     Eine Epoche in unserem modernen Musikleben ist Anton Bruckner. Die Strahlen Bachs und Wagners Kunst berührten sich in seinem Geiste. Da musste es gewaltige Funken geben! Dazu kam eine Haydn'sche wahre, weltabgewandte Frömmigkeit, die seinem künst­lerischen Schaffen eine gewisse Weihe gab. Hatte doch auch Bruckner, wie einst Vater Haydn, eines seiner Werke dem „lieben Gott" gewidmet! [...]
Auch in unserer Vaterstadt wurde der greise Meister gefeiert und die Aufführung seiner romantischen Symphonie am 1. Februar 1891 durch Professor Josef Schalk wurde zum bedeutsamen Ereignisse im heimischen Musikleben. Seither erklangen mehrmals Werke Bruckners in unseren Mauern. Auch die gestern aufgeführte B-dur-Symphonie wurde bereits am 9. April 1894 durch den damaligen Opernkapellmeister Franz Schalk unseren Musikfreunden vorgeführt. Fast wie ein musikalisches Tagebuch eines geistreichen genialen Künstlers, der seine verschiedenen Stimmungen in interessanten Zügen schildert, erschien mir damals diese Symphonie. Nun, inniger mit dem Werke vertraut, trat der geistige Zusammenhang der in weiten musikalischen Bogen gebauten Tonsätze deutlicher her­vor und der Eindruck episodenhafter Skizzen schwand.
     Ein einheitlicher Gedanke liegt in dem riesengroß angelegten Werke, dessen mannigfache Gliederung und Themenreichthum anfänglich verwirrend und fast erdrückend wirkt. Ein lebender Contrapunkt war Anton Bruckner.
[...] Die eingehend studierte B-dur-Symphonie war ein würdiges Seitenstück zu der bereits wiederholt gebrachten romantischen Symphonie, die zu den besten Gaben Spörrs zählte.
[...]
     Der seit einigen Wochen lebhaft gesteigerte Besuch der Spörr-Concerte — der Saal war gestern wieder dicht gefüllt — kündete die wachsende Beliebtheit und längst verdiente Wertschätzung unseres für unser musika­lisches Leben unentbehrlichen Symphonie-Orchesters. Diesem wichtigen künstlerischen Unternehmen, das zur Seele unseres heimischen Musikgetriebes geworden ist,
endlich eine feste Stütze und einige Bestandsmöglich­keit zu bieten, erscheint dringend geboten!
          Julius Schuch. (*)

und Prochaska (signiert "V. P.") in der Grazer Morgenpost Nr. 25 (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190001275, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190001275
letzte Änderung: Dez 30, 2025, 23:23