zurück 1.5.1902, Donnerstag ID: 190205015

Die Neue Musikzeitung XXIII bringt in Heft 10 auf S. den Düsseldorfer Musikbrief, in dem August Stehle von der Aufführung der 5. Symphonie [am 5.12.1901] berichtet:
"Schillers Wort: "Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergehn", paßt [...] noch immer auf einzelne bedeutende Erscheinungen [...]. Ja, auch Anton Bruckner mußte erst durch den leiblichen Tod zu höherem geistigen Leben erweckt werden. Seit man jetzt aber erkannt hat, daß Bruckners Erscheinung mit ihrem Ueberreichtum an phantasievollenTonformen einer der merkwürdigsten Episoden der Musikgeschichte verkörpert, ist es mit der Mißachtung des Wiener Meisters vorbei. Leicht zugänglich ist seine Tonsprache nicht, weil der Komponist mit den Stoffen ringt und Mühe hat, sie in die symphonische Form zu bannen, aber dem kühnen Fluge edler und geistvoller Gedanken muß man willenlos folgen. In Düsseldorf hat Professor Buths den merkwürdigen Tonpoeten eingeführt und binnen Jahresfrist zwei seiner bedeutendsten Symphonien im Städtischen Musikverein zur Aufführung gebracht: die vierte und die fünfte in B dur – beide mit gleich starkem Erfolge. Ein elementares Gefühlsleben, ein scharf umgrenzter persönlicher Empfindungsgehalt geht hier mit der Kontrapunktik Bachs, der Aufbaugröße Beethovens und dem Farbenglanze Wagners eine wunderbare und edle Mischung ein. An Instrum,entalpracht kommt der B dur-Symphonie wenbig ihresgleichen bei. Für unser großes, tüchtiges Orchester ist sie ein Glanzstück.
      Das Ereignis des dritten Abonnementskonzertes des "Musikvereins" war das Erscheinen Paderewskis, [... über dieses und andere Konzerte ...].   Anton Stehle."

Auf S. 134 wird die Aufführung der 7. Symphonie in Breslau [am 19.2.1902] besprochen, signiert "–l–":
"[...]    In den drei letzten Abonnementskonzerten des Orchestervereins hörten wir [... über die Soloauftritte ...].
      Unter den instrumentalen Gaben dieser Konzerte waren drei in Breslau noch unbekannte: [...]  – Anton Bruckners 7. Symphonie in Edur, von der wir im Jahre 1893 lediglich das Adagio zu hören bekamen [11.1.1893], wurde diesmal vollständig aufgeführt. Dieses bekanntlich unter der Vorahnung von Wagners Tod geschriebene Adagio mit seiner feierlichen Stimmung, welche durch den Klang von Tuben zur Erhabenheit gesteigert wird, ist der ergreifendste Teil des Werkes. Ein packendes, von ausgelassenem Humor erfülltes Scherzo reiht sich an, das in seinem Aufbau, in seiner Struktur eine Logik und Abrundung zeigt, welche leider dem ins Uferlose sich dehnenden ersten Satze und dem an diesen anknüpfenden Finale – beide bauen den Schluß über einem Orgelpunkt auf E auf – fehlen. Die schönen Einzelheiten werden hier durch kein geistiges Band zusammengehalten, und neben ihnen finden sich auch öde und leere Strecken. Der Einfluß Wagners ist in der Instrumentation, in den glänzenden Klangfarben stark bemerkbar. –
     Von bekannten Orchesterwerken wurden unter Leitung des Dr. Dohrn vorgeführt: [... Berlioz Symphonie phantastique, Tannhäuser- ] und die Ouverture zu Coriolan von Beethoven."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190205015, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190205015
letzte Änderung: Apr 10, 2025, 12:12