"Die Zeit" Nr. 945 bringt in der Beilage "Die Sonntags-Zeit" auf S. 6 einen Artikel, in dem Geschehnisse vom März 1888 und 24.3.1888 geschildert werden:
" Erinnerungen an Hamerling.
Von Hans Brandstetter.
II.
Zu den Eigenheiten des Dichters gehörte auch: wenn er durch seine Krankheit an das Bett gefesselt ward, daß daneben der vollkommene Anzug bereitliegen mußte. "Ich hätte ein zu peinliches Gefühl," sagte er mir einmal, "wenn die Kleider nicht neben mir lägen, um mich nach Belieben ankleiden zu können." [...]
Auf diese Anregung hin [Gratulation zum 58. Geburtstag] wurde ein kleines Komitee gebildet, das dann beschloß, dem Dichter eine Pergamentadresse mit Unterschriften hervorragender Wiener Persönlichkeiten und eine Bronzestatuette, eine kranzwindende Muse, als Festgabe zu überreichen. Die Modellierung der Statuette und die Ausführung der Adresse wurden mir übertragen.
Jedes Komiteemitglied erklärte sich bereit, einigen Persönlichkeiten die Adresse zum Unterschreiben zu überbringen. [... Anzengruber ...]
An einem der folgenden Tage ging ich mit der Adresse in das Sühnhaus zu dem Dombaumeister Schmidt. Er war jedoch krank und mußte das Bett hüten. Dennoch ließ ich ihm mein Anliegen durch den Diener mitteilen, worauf mich der Meister sogleich zu sich bat. [...]
Da das Komitee auch einige Tondichternamen auf der Adresse haben wollte, brachten Fritz Lemmermayer und ich das Pergamentblatt dem Sinfoniker Anton Bruckner. Der etwas rundlich geratene Herr öffnete auf unser Läuten selbst die Wohnungstür und fragte: „Mit was kann ich dienen?" Darauf antwortete mein Begleiter: „Wir sind gekommen, um Sie zu ersuchen, diese Huldigungsadresse für den Dichter Robert Hamerling zu unterschreiben." Auf das hin blickte Bruckner in die Höhe und tat, als ob er über einen, dem Gedächtnis entschwundenen Namen nachsänne, und murmelte dann vor sich die Worte hin: „Hamerling – Hamerling, diesen Namen habe ich noch nie gehört!" und dann zu uns gewendet: „Vielleicht wollten Sie Amerling sagen?" Und Lemmermayer darauf: „Den Maler Amerling kennen wir schon auch –- wir meinen aber den Dichter des „Ahasver in Rom", des „Königs von Sion", der „Aspasia" usw." Bruckner sah den Sprecher groß an und sagte: „Dieser Name ist mir ganz und gar unbekannt!"
Dann griff Meister Bruckner nach der Adresse, entfaltete sie und las halb laut die Unterschriften: „Christine Hebbel, Kaspar v. Zumbusch, Elimar v. Oldenburg, Josef Lewinsky, Altgräfin Salm, Eduard v. Bauernfeld, Graf Lamezan, Karl Kundmann, Ferdinand v. Saar" –- und bemerkte: „Ja – diese Persönlichkeiten sind mir freilich bekannt. Na – wenn die unterschrieben haben, kann ich schon auch unterschreiben!" Er huschte in das Arbeitszimmer und setzte seinen Namen auf das Pergamentblatt. Wir stutzten freilich bei der seltsamen Episode.
Die Adresse wies zirka hundertfünfzig Unterschriften auf; selbstverständlich befanden sich darunter auch die Namen: Ada Christen, Betty Paoli, Marie v. Ebner-Eschenbach und Emil Marriot. Ueberhaupt hatten sich so ziemlich alle Geistesgrößen und Berühmtheiten, die damals die Kaiserstadt beherbergte, an der Hamerling-Ehrung beteiligt.
Der Schriftsteller Lemmermayer und ich wurden ersucht, mit der Ehrengabe nach Graz zu fahren. Am 24. März 1888 überreichten wir sie dem Dichter. Obwohl er krank war und uns im Bette liegend empfangen mußte, zeigte er sich bei der Uebernahme doch so heiter, wie ich ihn vorher selten gesehen hatte. Hamerling fand die Statuette „sinnig", und er wunderte sich über die „interessanten Namen", die die Adresse aufwies. Bald sah er das matt grünlich patinierte Bildwerk an, bald überflog sein Adlerblick das Pergamentblatt. Nach einer Weile meinte er: „Die Adresse enthält ja die allerersten Namen der Wiener Kunstgrößen!" Und hochbefriedigt setzte er hinzu: „Ich komme zur Einsicht, daß ich in Wien doch Freunde habe. Raten Sie mir, wie ich mich bei allen, die sich an der Ehrung beteiligten, bedanken kann!"
In seiner Selbstbiographie „Stationen meiner Lebenspilgerschaft" hat der Dichter auch seine Freude über diese Kundgebung einbekannt. [...]."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190505145, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190505145letzte Änderung: Okt 30, 2026, 12:12