zurück 28.3.1906, Mittwoch ID: 190603285

Brief von Felix Gotthelf (1857-1930) an seinen Freund Richard Meister [siehe die Anmerkung], u. a. über die von ihm gehörte 9. Symphonie [am 4.3.1906 und 15.3.1906]:
"                  Wien den 28. März 1906
[...]
     [...] Daß mich Meister Bruckners IX Symphonie, die ich kürzlich zweimal kurz hintereinander, einmal von den Philharmonikern, das zweite Mal von dem Concert-Vereins-Orchester hörte, wieder in hellstes Entzücken versetzt hat? Nun das ist ja nichts Neues, wir haben uns oft darüber aus gesprochen. Die Erscheinung Bruckners ist mir zum Problem geworden; ein räthselhaftes Problem. Er wirft Manches über den Haufen, was Wagner über das Ende der Symphonie geschrieben hat. Also wäre es mit Beethovens Neunter doch noch nicht aus und ganz zu Ende gewesen? Wie konnte die von Beethoven zersprengte Form wieder gebrauchsfähig gemacht und mit einem großen, erhabenen Inhalt gefüllt werden, ohne auf's neue zu zerspringen? Auch Bruckner hat, wie Beethoven, sich durch die furchtbarsten Schrecknisse inneren Erlebens durch gekämpft, auch er hat der Medusa dieses Erdendaseins in's Auge geschaut ohne versteinert zu werden. Auch ihm gelang es, den "immanenten" Pessimismus zu überwinden und schließlich zu einer "transcenden[t]en" Heiterkeit zu gelangen. Und so wurde er auch Optimist und sang sein Lied an die Freude. Aber während Beethoven das Hauptgewicht auf die Verse: "Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt" legte (dem aufgeklärten Humanismus seiner Zeit entsprechend) ertönt aus der Brucknerschen Musik mehr das: "Ihr stürzt nieder, Millionen; ahnest Du den Schöpfer, Welt?" – Es ist ein erhabener religiöser Mysticismus in dem ersten Satz u. im Adagio, während das dämonische Scherzo einem religiös verzückten Fakirtanze gleicht. – Und so hat dieser scheinbar so beschränkte, enge Geist, dieser ungebildete bäuerische Musikant doch den weitesten Horizont Aller gehabt; er hat das Wesen seiner Zeit instinctiv erkannt und in sich zum Tönen gebracht, einer Zeit, die aus Materialismus u. plattem Optimismus durch den philosophischen Pessimismus hindurch sich schließlich zum religiösen Optimismus, zu jener erhabenen Heiterkeit durchzuringen suchte, die nur in wahrer Religiosität und höchster Kunst zu finden ist. – Und hier begegnet sich dann auch – – doch nun genug der Salbaderei. Ich bin einmal wieder in's Schwärmen gerathen. Das kommt davon, wenn man so einsam ist. – [...]" (*).
 
Theodor Helm berichtet im Pester Lloyd Nr. 77 auf S. 2 von den Konzerten am 15.3.1906 (9. Symphonie) und 14. 3.1906 (Otto Kitzlers "Trauermusik. Dem Andenken Anton Bruckners") (**).
 
 


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190603285, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190603285
letzte Änderung: Dez 08, 2025, 11:11