zurück 17.2.1913, Montag ID: 191302175

Besprechung des gestrigen Konzerts [mit der 3. Symphonie] im Gießener Anzeiger, signiert "P.":
"        Gießener Konzertverein.
                    7. Konzert
 
   [... über Regers "Nonnen" und Romantische Suite ...] Erfreulicherweise tritt im Ganzen die frühere Neigung zu kontrapunktischen Spitzfindigkeiten zurück, wodurch das Werk an Einheitlichkeit und Eindrucksfähigkeit gewinnt. Die Ausführung dieses ungemein komplizierten, die feinsten Tonschattierungen erfordernden Orchesterwerks stellt eine glänzende Leistung dar, die nicht viele Kapellen den Meiningern nachzumachen imstande sein werden.
     Und nun zu dem anderen, vom Glück weniger begünstigten Komponisten des Abends: zu Anton Bruckner! Das Wissenswerteste über Leben und Schaffen dieses, hier nun erstmals zu Wort gekommenen Meisters ist schon in unserer Mittwochs=Nummer in zutreffender Weise mitgeteilt worden. Nach langem Ignoriertwerden hat Bruckner nach seinem Tode eine Gemeinde gefunden, die – wie gewöhnlich! – ins Extreme verfällt und an ihrem Abgott keine Mängel mehr sieht, ja solche geradezu als Vorzüge proklamieren möchte; zu diesen Mängeln ist die gelegentliche Maß= und Formlosigkeit Bruckners, seine allzu große Breite und die Sprunghaftigkeit in der Entwicklung seiner Themen zu rechnen, die allzu häufigen Unterbrechungen durch Generalpausen und ähnliches; diese mehr formalen Mängel werden aber reichlich aufgewogen durch eine geniale Schöpferkraft, die eben infolge ihrer ungebändigten Naturwüchsigkeit oft fessellos und fast zerstörend überquillt. [… über das Werk …]. Die ebenso vorzüglich geschulte wie geleitete Meininger Künstlerschar brachte Bruckners 3. Symphonie (R. Wagner gewidmet) aufs schönste zur Geltung; besonders der heroische erste Satz und die Glanzstellen[xxx?] im Schlußsatz wurden mit Schwung, [xxx nicht lesbar: & mit?] einer für unsere Raumverhältnisse reichlich großen Wucht herausgebracht; auch die innigen Stellen im zweiten Satz und die behaglichen [?] naturfrischen Weisen im Trio des energisch hinstürmenden [?] Scherzo gelangen vortrefflich; immerhin scheint nach den Anstrengungen des Abends ein solches Höchstmaß von Sorgfalt und Feinheit, wie es auf die Filigranstellen der früheren Nummern verwendet worden war, bei einzelnen heikleren Partien Bruckners nicht mehr zur Verfügung gestanden zu haben. – Bemerkenswert ist, wie Bruckner in dieser Symphonie für die großartigen Klangwirkungen keineswegs eines gesteigerten Instrumental=Apparates bedarf, wie ihn manche Moderne nicht entbehren zu können glauben, – er begnügt sich mit dem Orchester des späteren Beethoven – er hat auch die historische Symphonie=Form ruhig beibehalten und sich stolz=bescheiden damit begnügt, sie mit neuem Geiste zu erfüllen.
     Das Konzert, das eine so interessante Reihe von Neuheiten – und zwar von schwerstem Gewicht – darbot, war sehr gut besucht; das Haus schien ausverkauft. Die Hörerschaft war in sehr aufnahmebereiter Stimmung und kargte nicht mit rauschenden Beifallsbezeugungen. Ueber dem morgigen großen Musiktag, der uns Beethovens unsterbliche Missa solemnis bringen wird, möge ein gleich günstiger Stern walten!         P.


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 191302175, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-191302175
letzte Änderung: Sep 03, 2025, 10:10