Der Deutsche Correspondent Nr. 243 (Baltimore, Maryland) berichtet auf S. 17 (= S. 9 des 2. Teils) von den Beständen der Wiener Stadtbibliothek und beschreibt dabei Bruckners Brief vom 20.6.1868, allerdings mit falscher Datierung:
" Eine städtische Briefsammlung.
Briefe berühmter Wiener. – Die Briefsammlung der Stadt Wien. – Ein monumentales Werk. – Anzengruber über den "Pfarrer von Kirchfeld". – Bruckner an Bülow. – Brahms Zweifel am eigenen Schaffen. – Billroth und Kronprinz Rudolf.
In Wien ist jetzt wieder einmal ein Werk im Werden, das Aufsehen erregen wird. Der Stadtrath hat in einer seiner letzten Sitzungen die Bewilligung zur Herausgabe eines Katalogs der städtischen Briefsammlung gegeben. [... zahlreiche Ankäufe ... etwa 16000 meist noch ungedruckte Briefe ... Bibliotheksdirektor Probst ... in 5 bis 6 Jahren 16 Bände geplant (mit Angabe des wesentlichen Briefinhalts) ... zu Demonstrationzwecken] wurde dessen erster Bogen in Druck gelegt. Es ist packend, was sich auf diesen acht Quartseiten Alles findet.
[... Anzengruber (2 Briefe) ...].
Von der tiefen Noth, in der zu leben nun einmal schon den meisten großen Oesterreichern beschieden zu sein scheint, gibt dann auf demselben Bogen auch der Auszug aus einem Briefe Zeugnis, den Anton Bruckner am 20. Januar [sic] 1868 aus Linz an Hans v. Bülow richtete. Schon die Anrede ist, durch die tristen Verhältnisse diktiert, von einer beschämenden, fast lächerlichen Devotion: "Hochwohlgeborener, hochverehrtester Herr Hofkapellmeister! Entschuldigen Herr Baron gnädigst . . ." Bruckner führt in dem Briefe aus, er habe sich in Oesterreich einen Namen errungen und sei wiederholt einer der ersten Orgelspieler genannt worden. Er habe mehrere Messen geschrieben, die erste sei in Wien beifällig aufgenommen worden, eine zweite sei vom Obersten Hofmeisteramt bestellt worden. Er erinnert dann Bülow daran, daß dieser vor längerer Zeit seine c-moll-Symphonie gehört habe, und fährt fort: "Wenn ich in meinem Vaterlande übergangen werden sollte, da ich nicht ewig in Linz bleiben kann, könnte ich nicht durch Ihre P. P. Herrn von Wagners Empfehlung Audienz beim König bekommen? Um in der Kirche oder im Theater gegen besseren, sicheren Gehalt als Hoforganist oder Vizehofkapellmeister eine Stelle zu erhalten?"
Man wird wohl aus dieser einzigen Briefstelle nicht nur vieles über die damalige Gemüthsverfassung und über die materiellen Verhältnisse des Meisters, man wird vielleicht noch mehr über österreichische Verhältnisse überhaupt herauslesen. Wie da ein österreichisches Genie de- und wehmüthig vom König von Bayern eine winzige Stelle zu erbitten im Begriffe ist . . . Bruckner fährt dann fort, Wagner habe ihm unlängst liebevoll geschrieben und werde gewiß alles thun, und er bitte Wagner zu fragen, und ihm in der Antwort auch Mittheilung über die Höhe des zu erwartenden Gehaltes zu machen, insbesondere aber möge man keinem Wiener von seiner geheimen Anfrage Mittheilung machen. Offenbar mit Beziehung auf einer der Werke Wagners fährt Bruckner dann fort: "Wird die drite [sic] und letzte Aufführung am 29. sein? Möchte gern nach München kommen, um die Freude an dem großen Meisterwerk theilen zu können mit meinem erhabenen Vorbilde Wagner."
Ein Streiflicht auf das geistige Schaffen Johannes Brahms' wirft ein Brief, den er im Dezember 1879 an die Prinzessin Sayn-Wittgenstein richtet. [... Violinsonate ... Billroth an Rudolf ...].
So viel des Fesselnden bietet schon eine kleine Auslese aus dem ersten Bogen dieses Briefkatalogs."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 191308315, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-191308315letzte Änderung: Okt 01, 2025, 21:21