zurück 3.11.1930, Montag ID: 193011035

Artikel von Willy Krienitz »Das Münchener Bruckner-Fest« in der Münchner Zeitung (*).
 
Brief von Ernst Schwanzara an Richard Heller:
"Wien, am 3. November 1930.
     Sehr geehrter Herr Regierungsrat!
     Ihre geschätzte Karte vom 1. November veranlaßt mich, Ihnen endlich oder vielleicht auch: schon jetzt auf Ihren gütigen Brief vom 18. September d. J. zu antworten. Wenn ich sage: endlich, so geschieht es, weil ich wirklich schon längst in irgendeiner Weise hätte antworten können, hätte ich nicht solange warten wollen, bis mein Erhebungsmaterial vollständig beisammen gewesen wäre; wenn ich aber sage: schon jetzt, so meine ich demnach, daß mein Forschungsmaterial, das ich Ihnen gern mitgeteilt hätte, noch nicht abgeschlossen ist.
     Jedenfalls bin ich Herrn Regierungsrat ungemein verbunden für den langen und höchst interessanten Inhalt Ihres geschätzten Schreibens. Ich hatte keine Ahnung von der Sache, beschaffte mir die von Ihnen angegebenen Druckschriften, trat in Fühlung mit {Schrötters} (die nicht wissen, daß mich Herr Sanitätsrat in die Sache eingeweiht haben) und suchte Anschluß an Ehrbar jun. Das hat alles längere Zeit gedauert, aber es ist noch immer nicht ganz klar, auf wessen Veranlassung Ihre Figur wegretouchiert wurde. Dennoch hoffe ich, es nun bald herauszubekommen und werde mir dann erlauben, sofort genauest zu berichten. Bitte also, hochgeehrter Herr Regierungsrat, mein langes Schweigen nicht als Undank oder erloschenes Interesse aufzufassen, ich bin nach wie vor auf die Aufklärung höchst gespannt.
     Wenn ich es wage, Herrn Regierungsrat abermals um einige Auskünfte zu bitten, so tue ich es in der Annahme, daß Herr Regierungsrat mir gegenüber gütige Nachsicht üben werden.
     Meine ergebensten Fragen sind:
1.) Ist Bruckner außer in dem zum "Stöckel" gehörigen Garten auch im öffentlichen Belvederegarten, insbesondere in dem darin befindlichen "kleinen Kinderpark" öfter gesessen?
2.) War Bruckner im September und Oktober 1896 noch fähig, Besuche zu empfangen oder haben Herr Sanitätsrat der Wirtschafterin Kathi Kachelmayer verboten, Besucher vorzulassen?
3.) Hat Frau Kathi sich an ein solches Verbot strikte gehalten oder hat sie es doch hie und da außer Acht gelassen?
     Diese neuen Fragen stehen mit der Bildaffäre natürlich in gar keinem Zusammenhang, sie interessieren mich in einem anderen Belange sehr und Herr Regierungsrat sind ja der einzige noch Lebende, der über Bruckners allerletzte Zeit  einwandfreie Aufschlüsse geben kann. Ich persönlich glaube nicht, daß Bruckner sich auch in den Kinderpark gesetzt [hat] und daß in den letzten 6 Wochen außer den ärztlichen Besuchen noch sonst ein Besuch möglich gewesen sein konnte, aber ich brauche für meine Annahme eine authentische Bestätigung, für die ich außerordentlich verbunden wäre.
     Mit dem Ausdrucke ausgezeichneter
 Hochachtung ergebenst
 Ernst Schwanzara
 Wien XVIII. Hofstattgasse 24." (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 193011035, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-193011035
letzte Änderung: Apr 20, 2023, 22:22