zurück 6.4.1868, Montag ID: 186804065

Kritik über das Konzert vom 4.4.1868 im Linzer Abendboten Nr. 80 auf S. 3 [*]:
        »Zwischenakt.
     
Linz. Unsere wackere Liedertafel „Frohsinn” beging mit ihrem 24. Gründungsfeste am letzten Samstage eine Festfeier in des Wortes schönster Bedeutung. Der Redoutensaal erwies sich fast zu klein, um alle die unterstützenden Mitglieder zu fassen, welche gekommen waren, um ihre Theilnahme an diesem Vereine an den Tag zu legen, welcher eine wahre Zierde unserer Stadt genannt werden kann. Wir können wohl der Liedertafel kein besseres Lob ertheilen, als wenn wir sagen, daß sie sich beim vorgestrigen Feste unter der Leitung ihres vorzüglichen Chormeisters Bruckner geradezu verjüngt zeigte und alle Nummern des sehr interessanten Programms mit großer Präcision und einer Nüancirung exekutirte, deren Feinheit von dem tiefsten und sorgfältigsten Studium zeigte. Es war daher nur die natürliche Folge, daß sich alle Zuhörer in einer Weise befriedigt und gehoben fühlten, wie dieß bei Liedertafelkonzerten nur selten erreicht zu werden pflegt. Es war eben der Hauch klassischer Begeisterung, welcher die gesammte Produktion veredelte und durch die meisterhafte Durchführung das gleiche Gefühl bei den Zuhörern erweckte, so daß wir es mit keinem bloßen Unterhaltungsabende, sondern mit einem eigentlichen Musikfeste zu thun hatten, dessen Zustandekommen wir im Interesse einer verfeinerten, musikalischen Bildung des Publikums ganz besonders hoch anschlagen. Wir verweilten absichtlich länger bei der Schilderung des Gesammteindruckes, weil eben hierin der eigentliche Erfolg des Abends zu suchen ist und alle einzelnen Nummern hieran ihren Antheil hatten. Ganz besonderen Beifalls hatte sich der wunderliebliche Chor „Der Entfernten” von Schubert und der bekannte gemischte Chor „Frühlingsahnung” von Mendelssohn zu erfreuen, so daß selbst zur Wiederholung derselben geschritten werden mußte. Trefflich ausgeführt wurden auch die Chöre „Wohin” von Zöllner, „Vaterlandslied” von Bruckner [WAB 92] und das „Ritornelle” von Schumann. Insbesondere erzielte der Bruckner'sche Chor in seiner echt musikalischen Empfindung und schwärmerischen Anlage und Durchführung eine sehr große Wirkung, welche dem bescheidenen Komponisten die verdiente Ehre dreimaligen Hervorrufes eintrug. Eine sehr angenehme Abwechslung im Programme bildete das Mozart'sche Streichquartett in Es dur, welches von den Herren Koschier, Geier, Komzak jun. und Seelig in der bei diesen Herren aus den Quartettproduktionen bekannten vorzüglichen Weise durchgeführt und mit dem Hervorrufe derselben anerkannt wurde. Gleicher Beifall und die Ehre des Hervorrufes wurde auch der Durchführung des Männerquartettes „Morgenlied” von Kreutzer zu Theil. Die Krone von Allem bildete jedoch der Schlußchor des II. Aktes aus der Oper „Meistersinger” von Richard Wagner, dessen pompösen Chor der Ritter und Edelfrauen aus „Tannhäuser” die Einleitung des Konzertes gebildet hatte.
   Wir wissen die Ehre sehr hoch zu schätzen, daß der Meistersingerchor unserer Liedertafel zur ersten Aufführung überlassen wurde, und freuen uns daher doppelt, daß dessen Wirkung durch das vereinte Streben aller Betheiligten eine wahrhaft überwältigende war, die gewissermaßen von selbst zum stürmischen Beifall und zur Wiederholung drängte. Für die Kenner Wagner'scher Musik genügt wohl die Bemerkung, daß die bekannten herrlichen Chöre in Tannhäuser und Lohengrün von dem Chore der Meistersinger an Großartigkeit entschieden noch überragt werden. Den Damen, welche bei den gemischten Chören in vorzüglicher Weise mitwirkten, sowie auch der trefflichen Instrumentalbegleitung, durch welche dieselben besonders ihre bedeutende Geltung erlangten, gebührt alles Lob für das mühevolle, hierauf verwendete Studium. Aus den Reihen der Liedertafel sind Hr. Holzner, welcher das schwierige Bariton-Solo im „Meistersinger” sehr hübsch vortrug, dann Hr. Hoffelner für die kräftige Mitwirkung im „Vaterlandslied” und die Herren Falkensam, Huber und Stuböck, welche mit Hrn. Holzner das Soloquartett bildeten, lobend hervorzuheben. Zum Schluße aber beglückwünschen wir den an diesem Abende förmlich mit Beifall überschütteten Hrn. Bruckner zu dem herrlichen Erfolge mit dem aufrichtigen, herzulichen Wunsche, daß der Liedertafel unter seiner bewährten Leitung noch recht oft die Veranstaltung so mustergiltiger Produktionen gegönnt sein möge.« [keine Signatur]


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 186804065, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-186804065
letzte Änderung: Okt 07, 2024, 16:16