zurück 8.4.1868, Karmittwoch ID: 186804085

Kritik über das Konzert vom 4.4.1868 [mit WAB 92] in der Linzer Tages-Post Nr. 82 auf S. 2f (*):
         »Liedertafel „Frohsinn”.
     Am 4. d. M. hat die Liedertafel „Frohsinn” in den landschaftl. Redouten-Lokalitäten ihr 24. Gründungsfest begangen.
   Die erste Abtheilung wurde mit Richard Wagner eröffnet und geschlossen. Der „Chor der Ritter und Edelfrauen” aus der Wagner'schen Oper „Tannhäuser” wurde von dem Damen- und Herren-Chor und mit Orchester-Begleitung schwungvoll exekutirt.
   Es folgte hierauf Franz Schubert's Chor: „Der Entfernten”.
   Der die gewählteste Gesellschaft umfassende Saal würdigte den wahren Hochgenuß, welcher durch die vollendete Wiedergabe dieser herrlichen Komposition geboten wurde. In weihevoller Stimmung lauschte Alles der wunderbaren Einheit des Vortrages, der von dem kräftigsten Fortissimo zu einem Piano überging, in welchem die zartesten Stellen gleich einem Hauche erklangen.
   Da uns der Raum mangelt, um bei den einzelnen Nummern des Programms die vortreffliche Leistung eingehend zu erörtern, müssen wir hier im Allgemeinen bemerken, daß die gesammten Aufführungen von der unendlichen Sorgfalt, mit welcher das Einstudiren vor sich gegangen war, ein glänzendes Zeugniß ablegten. Um so mehr ist das zu bewundern, als die Mitwirkenden der Mehrzahl nach Dilettanten sind. Weiß man doch, wie schwierig es den Kapellmeistern bei dem engagirten Chorpersonale einer Oper wird, mit allem Aufwande der Strenge jene Präzision zu erzielen, welche theils zum Ausdrucke der feurigen Leidenschaft, theils zur Zartheit der Pianostellen erforderlich ist.
   Die Liedertafel-Produktion bewies nun einerseits die Macht des Ehrgeizes, der echten Liebe zur Kunst und der Ausdauer, welche alle Vereinsmitglieder beseelt, andererseits die Tüchtigkeit und große Sorgfalt des Chormeisters Herrn Bruckner. [...]
   In der nächstfolgenden Nummer: „Vaterlandslied” (Gedicht von A. Silberstein, als Chor mit Tenor- und Bariton-Solo, in Musik gesetzt von A. Bruckner) glänzte der Chormeister als Kompositeur, dem allerdings sehr zu wünschen ist, daß er bei allen Aufführungen seiner Tonwerke über solche Kräfte wie diesmal verfügen könne, welche mit aller Liebe auf seine Intentionen eingehen, und dieselben so gelungen erfüllen. [...]
   Höchst imposant ist der hier zum ersten Male öffentlich vorgetragene Schlußchor des 2. Aktes aus Richard Wagners Oper „Meistersinger”. Das Bariton-Solo wurde in Auffassung und Technik sehr verdienstlich durch Herrn Holzner reproduzirt.
   Herrlich ist die Klangwirkung des gemischten Chors, der gewiß aller Orten einen ungeheuern Eindruck auf die Zuhörer machen muß, wo der Vortrag von so kräftigen Stimmen und mit so lebhafter Begeisterung erfolgt, wie wir ihn hörten. Es folgte daher auch so stürmischer Applaus, daß der Chor wiederholt wurde, so wie auch alle übrigen anerkennenswerthen Aeußerungen des Abends lebhaften Beifall gefunden haben.
   Die Liedertafel fühlte sich verpflichtet, dem geistreichen Tondichter Herrn Richard Wagner, dessen Werk so glänzende Wirkung hervorgebracht hatte, auf telegrafischem Wege hievon Nachricht zu geben und herzlich zu danken.
   Der Liedertafel „Frohsinn” müssen wir für die so gelungene Durchführung edes interessanten Programms aufrichtigen Dank sagen. Da der Zutritt zu dem Gründungsfeste nur den unterstützenden Mitgliedern gegönnt ist, haben wir mehrseitig den Wunsch gehört, das Konzert genau mit demselben Programme zu wiederholen und zwar gegen Feststellung einer Eintrittsgebühr, deren Ertrag theils zur Deckung der Kosten der Produktion verwendet, theils dem Fonde der Liedertafel zugeführt werden könnte, welcher viele Auslagen zu tragen hat.
   Eine besondere Ovation wurde dem Herrn Bruckner dargebracht, indem er in der zweiten Abtheilung durch den Empfang eines Lorbeerkranzes überrascht wurde, welchen Frl. Kainersdorfer mit einer sinnigen Ansprache überreicht. Das schöne weiße Band, mit welchem der Kranz verziert war, trägt die Aufschrift: „Dem Chormeister und Kompositeur Herrn Anton Bruckner, gewidmet von dem Damen-Chore der Liedertafel „Frohsinn” am 4. April 1868.” Die Mitglieder des Damen-Chors und das Auditorium riefen einstimmig „Bravo”, und der gefeierte Meister konnte vor Rührung kaum sprechen.
   Anerkennend müssen wir der vortrefflichen Instrumentalproduktionen gedenken, welche in der 2. Abtheilung von einer aus Mitgliedern der beiden hiesigen Regimentsmusikkapellen kombinirten Gesellschaft geboten wurden, so wie auch die heiteren Chöre, Duetten und Deklamationen allgemeinen Beifall fanden.« [keine Signatur] (*).

Bruckner hat Kirchendienst und kann deswegen nicht nach Wien fahren (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 186804085, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-186804085
letzte Änderung: Feb 02, 2023, 11:11