zurück 12.2.1883, Montag ID: 188302125

Besprechung der 6. Symphonie im Neuen Wiener Tagblatt Nr. 41 auf S. 4, signiert »W. Fr.« [Wilhelm Frey]:
      »Konzerte. Bevor wir uns in die Konzertfluth der eben begonnenen Woche tauchen, mag es gerathen sein, mit den musikalischen Ergebnissen der letzten Tage reinen Tisch zu machen [...] Zu den bemerkenswerthesten Ereignissen der Jüngstzeit gehören das Philharmonische Konzert von gestern und der Walter=Abend vom vergangenen Freitag. [... eigentümliches Programm ... darauf] kamen zwei Sätze der neuesten Symphonie Anton Bruckner's an die Reihe: Adagio und Scherzo - das Adagio in seinen verschiedenen Motiven etwas musivisch aneinandergereiht; doch ist das erste dieser Motive im ernsten, großen Styl gehalten, der Ansatz zum Trauermarsch ruft im Zuhörer etwas allzu direkte Reminiszenzen wach, die Fülle von geistreichen Kombination [sic] und Wendungen werden aber auch die Gegner der Komposition nicht in Abrede stellen wollen und wäre das Scherzo etwas weniger bizarr, in seinem Schluß etwas weniger abgehackt, so wäre der Eindruck der interessanten Novität jedenfalls reiner gewesen. Der Komponist wurde übrigens ganz besonders nach dem Adagion [sic] mehrere Male stürmisch gerufen, nach dem Scherzo ebenso stürmisch, jedoch nicht ohne einige Opposition. [... über die anderen Programmnummern und über andere Konzerte ... Signatur:] W. Fr.« (*).

(**) Besprechung in der Morgenpost Nr. 41 auf S. 3 (signiert »Bn.« [= Berggruen?]):
    » * Jene Herren, welchen Richter's Programme für die philharmonischen Concerte nicht zu Gesichte standen, mögen sich das Programm der neuen Aera für das gestrige Concert hinter den Spiegel stecken. [... Kritik an der Programmzusammenstellung ...] Lebhaftes Interesse erregten blos zwei Sätze der neuen sechsten Symphonie von Bruckner, und hatte man blos zu bedauern, daß dieses allen Zuhörern noch unbekannte Werk fragmentarisch aufgeführt wurde, was selbst bei bereits bekannten Symphonien, die Kunstwerke in geschlossener Form sind, nicht geschehen darf. Wir enthalten uns jeglichen Urtheiles über das Werk, ehe es uns nicht vollständig vorgeführt wird und constatiren blos, daß es für die hohe Begabung des Componisten ein neues gewichtiges Zeugniß ablegt und mit großem Beifall aufgenommen wurde.   Bn.« (**).

Im Konservatorium unterhält sich Bruckner mit seinen Schülern über den gestrigen Erfolg; Lamberg berichtet, daß auch Brahms applaudiert habe (***).

(Aufführung von Wagners »Walküre« mit Scaria und Materna (°)).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188302125, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188302125
letzte Änderung: Jun 22, 2025, 6:06