Besprechung (»Concerte«) der 6. Symphonie durch Theodor Helm in den Wiener Signalen Nr. 7 auf S. 51ff:
»Concerte. [... Inhaltsangabe ...] Am Sarge eines der größten Künstler aller Zeiten über die ehrenwerthen, aber gegenüber des Geschiedenen Heldenthaten und Machtschöpfungen doch nur pygmäenhaften Leistungen Ueberlebender berichten zu müssen: „ein sau'res Amt und heut' zumal”. [...] Das sechste philharmonische Concert eröffnete mit Beethoven's zweiter „Leonoren”=Ouverture [...] und schloß mit der C-moll=Symphonie von Spohr, einem im Ganzen sehr verblaßten Opus [...] Mit zwei Sätzen einer gänzlich neuen (sechsten!) Symphonie fand endlich der vaterländische Tondichter Anton Bruckner Eintritt in die philharmonischen Matinéen; ob ihm aber hier Sitz und Stimme verbleiben werden, ist nach dem Erfolge des neuerlichen Debuts nicht bestimmt zu entscheiden. Zwar der erste der jüngst gehörten Symphoniesätze, ein ganz unter dem Vorbilde Wagner's und des letzten, Beethoven's entstandenes, drangvoll überschwengliches Adagio, machte durch seine edle Stimmung, melodische Breite und farbenreiche Instrumentation einen überwiegend günstigen Eindruck, wenn auch - so weit der Eindruck erstmaligen Hörens! - ein plastischer Gedankengehalt zu fehlen scheint. Aber das anschließende Scherzo, welches, verbunden durch einige echt Bruckner'sche Drolerien und Unbegreiflichkeiten, die schmiedenden Zwerge aus „Rheingold” und die reitenden Walküren in den Concertsaal beschwört, erschien uns für den Letzteren allzu grell, bizarr - um nicht zu sagen: barock. Der Componist, welchen man mit einer Gesammt= oder Detail=Aufführung einer seiner früheren Symphonien, z. B. der fünften [sic] in Es-dur, vielleicht bei dem philharmonischen Stamm=Publikum einen besseren Dienst erwiesen hätte, wurde zwar auch nach dem in Rede stehenden Scherzo stürmisch gerufen, aber der etwas allzu lärmende Applaus erweckte schließlich Opposition. [... über weitere Konzerte, darunter eines von Josef Schalk, »ein ganz vorzüglicher Pianist«, und Franz Schalk (mit Intonationstrübungen) ... auf S. 53:] Dr. Th. Helm.« (*).
(Vortragsübung am Wiener Konservatorium (**)).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188302175, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188302175letzte Änderung: Jun 10, 2024, 6:06