zurück 30.12.1888, Sonntag ID: 188812305

Bericht, signiert »-n.«, im »Vaterland« Nr. 360, S. 1, über das Konzert vom 10.12.1888 mit dem »Ave Maria« [WAB 6]:
     "Musik. Unsere "Wiener Singakademie" hat leider im Laufe der letzten Jahre von ihrem altehrwürdigen Glanze etwas eingebüßt, weniger durch eigenes Verschulden, als vielmehr unter der Ungunst der Verhältnisse und namentlich durch die abnehmende Theilnahme des Publicums an den Bestrebungen des Vereins. [...] Wir hörten Palestrina's "Tu es Petrus", dann Bruckner's wahrhaft classisch schönes "Ave Maria", zwei Gesänge, welche trotz der dreihundert Jahre, die zwischen ihrer Composition liegen, einer tiefinnerlichen Verwandtschaft nicht entbehren. Alle Künstelei moderner Contrapunctiker, die da glauben, im "Palestrina=Style" zu schreiben, ist gedankenschwaches Epigonenthum gegenüber der Art, wie Bruckner den Chorsatz behandelt; da gilt es nicht zu zeigen, was sich endlich lernen läßt, sondern da entspringt eben der schöpferische Gedanke dem Haupte des Tondichters. Das ist kein verschnürtes und verzwicktes Stimmengewirre, wo sich die einzelnen Stimmen in möglichst complicirten Einsätzen überbieten, sondern das ist die echte Tonfluth Palestrina's im Gewande der Renaissance; wie die Wogen des Meeres bald sanft, bald tosend an die Ufer schlagen, so wallt und wogt Palestrina's Gesang zu den Herzen; so klingt aber auch Bruckner's Tonsatz tief ins Innere hinein, erhaben über scholastische Engherzigkeiten und frei dahinfließend, entspringend aus einem Gemüth von tiefster Frömmigkeit und Glaubensstärke. Bruckner's "Ave Maria" gehört zu den besten Schöpfungen auf dem Gebiete der geistlichen Chormusik und wir müssen nur noch der Wahrheit zu Liebe das Programm berichtigen, welches von einer "ersten Aufführung" dieses "Ave Maria" spricht; es wurde schon wiederholt, zuletzt in Wien vom Wagner=Verein, aufgeführt, welcher sich überhaupt um Bruckner schon wiederholt Verdienste erworben hat. Die Aufführung der beiden Chöre war eine ganz entsprechende zu nennen; wenn wir von einigen nicht ganz reinen Intonationen der Soprane absehen, so entbehrte namentlich der Vortrag des Bruckner'schen Chores nicht einer gewissen Rundung, welche gerade bei derartigen Compositionen von hervorragender Bedeutung ist. [... über die anderen Werke ... die Konzertflut sei am Besucherschwund schuld ...]  -n." (*).
 
Die Linzer Tages-Post Nr. 299 übernimmt auf S. 4 die Meldung des Neuen Wiener Abendblatts vom 28.12.1888:
     " * (Ein österreichischer Conservatoriums=Director in Japan.) Aus Wien wird berichtet: Die japanische Regierung hat ihrem hiesigen Gesandten, Grafen Toda, den Auftrag ertheilt, für das Conservatorium in Tokio in Wien einen tüchtigen Leiter zu engagieren. [... nach Anfrage bei Rossi und Josef Hellmesberger] wurde ein preisgekrönter Schüler des Conservatoriums, Herr Rudolf Dittrich, für diese Stelle gewonnen. Er ist bereits, mit Empfehlungen der Gesandtschaft versehen, nach Tokio abgereist. [... Biographie ...] Im Jahre 1878 kam Rudolf Dittrich nach Wien an das Conservatorium, wo Josef Hellmesberger jun. im Violinspiel und Professor Bruckner in Theorie, Harmonielehre, Contrapunkt und Orgel seine Lehrer waren. [...] Im Schuljahre 1881/82 erwarb er sich bei den öffentlichen Concursen im Conservatorium sowohl in Violin, als auch Orgelspiel einstimmig zwei erste Preise und erhielt demzufolge die silberne Gesellschaftsmedaille nebst dem Diplom." (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188812305, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188812305
letzte Änderung: Okt 01, 2025, 8:08