zurück 10.11.1889, Sonntag ID: 188911105

Ein Artikel in "Der Kyffhäuser" Nr. 45 auf S. 366f, signiert "N-y.", befasst sich mit der finanziellen Notlage Bruckners und erwähnt Göllerichs [angeblichen] Lortzing-Artikel im Deutschen Volksblatt [7.3.1889 (dort aber ohne "Lortzing") gemeint]:
               "Anton Bruckner.
     Anfangs wollte ich "unser" oder "Meister" Bruckner als Überschrift setzten. Ich erachte jedoch heute diese Epitheta für überflüssig. [... Sonderstellung ...]
     Man sollte glauben, dass ein solcher Mann, entrückt allen Frivolitäten des Alltaglebens, auch frei sei aller Lebenssorgen. Mit nichten. Haben wir ja doch erst kürzlich von dem ausgezeichneten Musikschriftsteller und Freunde Liszt's und Wagner's Herrn Göllerich im Feuilleton des "Deutschen Volksblattes": Lortzings, die beiden Schützen einen Mahnruf an alle Deutschen vernommen, unserm Bruckner [...] einen ihm würdigen Ehrensold zu leisten [...] Denn Bruckner komponirt und dichtet, nicht weil er will, sondern weil er muss, (wie es vielleicht von keinem der jetztlebenden Komponisten gesagt werden kann).
     Viele kennen also den großen Tondichter Bruckner, wenige jedoch gewiss den Menschen Bruckner. [... Alltags"gebrechen" könnten das Bild großer Geister schwächen ...] Allein für Meister Bruckner habe ich dies nicht zu fürchten. Denn er ist eine Persönlichkeit von liebenswürdigster und gewinnendster Eigenart. - "Unser Konzertpublikum" * [Fußnote: * So ist ein Feuilleton im "Fremdenblatt" vom 25. November 1888 betitelt.] kennt ihn genau, und ein mir Unbekannter (weil das Feuilleton mit X gezeichnet ist) durfte es sich daher erlauben, aus dem Konzertsaal zu schwatzen.
     Er schreibt, nachdem er "Brahms" und seiner Anhänger zuvor gedacht:
     Ein ganz anderer Geist weht, wenn ein "Bruckner" gespielt wird. Da ist die ganze junge Welt am Platz, da geht es stürmisch her. Da hört man nicht den sittsam und wolerzogen abgedämpften Applaus der Brahminen, ein unbändiger Lärm, erzeugt von hundert jugendlichen Kehlen und Händen, braust durch den Saal und ruht nicht eher, bis der "Meister" am Podium erscheint. Welch' erfrischende Naivetät ist ihm zu eigen! [... über Bruckners äußere Erscheinung und sein Verhalten, seine Herzensgüte ... Anekdote (Besuch Herbecks in Linz, wo Bruckner wegen eines Gebetes den Hut abnimmt und dies trotz der Abendkühle so begründet:] "Weil es so damisch heiss ist", antwortete in naiver Verschämtheit der Gefragte.
     Ob Alle sich mit dieser kleinen Darstellung zufrieden geben, vermag ich selbstverständlich nicht zu entscheiden. Wer Bruckner ganz und gut kennen lernen will, dem bietet sich jetzt volle Gelegenheit in dessen Vorlesungen** [Fußnote: ** (Ein zweiter Artikel folgt.)] an der Universität. Hier ist Bruckner der leutseligste Mensch und der bescheidenste Tondichter zugleich.      N-y." [siehe die Anmerkung] (*).
 
(1. Gesellschaftskonzert unter Hans Richter mit Händels Oratorium "Josua" (**).
Mitwirkende: Rosa Papier-Paumgartner, Lenore Bach, Frl. Fanny Tschampon (vom Singverein), Hermann Winkelmann und Ludwig Weiglein (**a)).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188911105, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188911105
letzte Änderung: Dez 22, 2024, 13:13