Brief Bruckners an Ferdinand Krackowizer in Linz:
Dankt für ein Buch. Bei der heutigen, zweiten Probe der 3. Symphonie seien die Wiener Philharmoniker begeistert gewesen. Die Druckausgabe, die der Kaiser finanziert habe, sei im Mai 1890 erschienen. Er habe brieflich von einem Aufführungsprojekt in Linz gehört [21.12.1890] und bitte inständig, die erste, mit Mängeln behaftete Ausgabe nicht zu verwenden. München [4. Symphonie am 10.12.1890] sei großartig (*).
[möglicherweise nach dieser Probe?] Bruckner erzählt in einer Unterrichtsstunde 1890 Decsey "mit Stolz von einigen Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters: "Denken Sie sich, heute haben die mich Meister genannt! Meister!" Und war davon ganz gerührt." (*a).
In der Linzer Tages-Post Nr. 289 wird auf S. 4 die Aufführung der 3. Symphonie im Konzert des Linzer Musikvereins am 21.12.1890 angekündigt:
" § Musikverein, Linz. Der Musikverein veranstaltet am nächsten Sonntag (21. d. M.) um 5 Uhr nachmittags im Redoutensaale sein drittes diesjähriges Vereinsconcert, dessen Programm aus dem Vorspiele zu Wagners "Tristan und Isolde" und der D-moll (III.) Symphonie von Anton Bruckner besteht." (**).
Das Linzer Volksblatt Nr. 289 weist auf S. 3 auch auf diese Aufführung hin:
" - Musikvereins-Concert. Das dritte Musikvereins=Concert findet am künftigen Sonntag den 21. December um 5 Uhr abends im landschaftlichen Redouten=Saale statt. Zur Aufführung gelangt: Vorspiel zu "Tristan und Isolde" von Richard Wagner. Dritte Symphonie in D-moll von Anton Bruckner." (**a).
Die Linzer Zeitung erwähnt auf S. 1454 zudem die Aufführung in Wien am selben Tag:
" * (Musikverein.) Am Sonntag den 21. d. um 5 Uhr nachmittags findet im landschaftlichen Redoutensaale das dritte ordentliche Musikvereinsconcert statt. Zur Aufführung gelangen diesmal Werke moderner Meister, u. zw.: Das Vorspiel zu R. Wagners "Tristan und Isolde" und die Symphonie in D-moll Nr. 3 von unserem berühmten Landsmann Anton Bruckner. Wir bemerken noch bei dieser Gelegenheit, daß diese Symphonie Bruckners am gleichen Tage in Wien von den Philharmonikern zum erstenmale aufgeführt wird." (***).
Die Allgemeine Zeitung München Nr. 349, 2. Morgenblatt, bringt auf S. 5 eine Kritik zur Aufführung der 4. Symphonie am 10.12.1890, Signatur „§**“ [die Sterne übereinander gestellt] [Max Zenger]:
" Concert.
§** Die Leser unserer Concertberichte dürften bereits bemerkt haben, daß wir uns zu einem begeisterten Lob über die gegenwärtigen Orchesteraufführungen unsrer Musikalischen Akademie schlechterdings nicht aufzuschwingen vermögen, während wir doch anderen künstlerischen Leistungen unsre Anerkennung gewiß nicht versagen. Wenn wir den Zweck der öffentlichen Kritik recht erfassen, so hat diese die Pflege der Kunst ohne Rücksicht der Personen und Verhältnisse, vor allem ohne Rücksicht auf den Kritisirenden selbst, der sich, wenn er nicht ganz unabhängig ist, durch Aussprechen der Wahrheit bekanntlich nur schaden kann, überzeugungsgemäß zu überwachen und, wo sie ein Nachlassen in dieser Pflege sieht, ein ernstes Wort zu reden, damit nicht das Sprichwort in Erfüllung gehe: Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht. Sollte unsre Mahnung auch mit dem thatsächlichen Erfolg – wie ihn die Musikalische Akademie z. B. in ihrem III. Abonnementsconcert am 10. d. wieder zu verzeichnen hatte – im Widerspruche stehen, so wolle sich dieselbe über die Ursachen ihres Scheinerfolges nicht täuschen. Noch zehrt die Akademie von ihrem alten Ruhm, und der Zuspruch, dessen sie sich erfreut, ist durch das schnelle Anwachsen der Stadt mehr garantirt, als er es zu den Zeiten Klein=Münchens war. Dadurch steigt aber auch der ohnehin schon ansehnliche Procentsatz der Urtheilslosigkeit in erschreckendem Maße, und der mit dieser verschwisterte Autoritätsglaube bildet die Basis, auf welcher man wohl noch eine Zeit lang weiterbauen, d. h. die schwierigsten Werke aufführen kann, ohne sie – studirt zu haben. Nicht studirt war Wagners Faust=Ouverture, […]; nicht studirt waren die gleichfalls sehr geistreichen Variationen über ein Haydn’sches Thema von Brahms, welche ohne alle Nuance und somit auch ohne alle Wirkung einfach abgespielt wurden. [… vgl. dagegen Bülow mit den Meiningern …]. Daß auch die lange Symphonie in Es-dur von Anton Bruckner nicht so, wie es zum vollen Verständniß des Werkes nöthig gewesen wäre, studirt war, entzieht sich zwar im Détail unserm Urtheil, ist aber im allgemeinen aus der primitiven, fast nur in Pianissimo und Fortissimo bestehenden Nuance, im besonderen aus der rhythmischen Unvollkommenheit der Triolen der Blechbläser, welche eine hervorragende Rolle spielen, zu schließen. Wohl mag man geltend machen, daß bei dem gegenwärtigen, viel Zeit und Kraft in Anspruch nehmenden Theatergeschäft ein genügendes Einstudiren der vorzuführenden Werke einfach nicht mehr möglich ist, ja wir geben selbst zu, daß jedes derselben mindestens dreimal so viel Studium für sich in Anspruch nehmen würde, als für das ganze Concert (mit Einschluß der Frithjof=Scene von Max Bruch) verwendet werden konnte. Dieses in die Augen springende Mißverhältniß muß eben auf irgendeine Weise gelöst werden, wenn nicht über kurz oder lang der bisher zu Hülfe kommende Autoritätsglaube erschüttert werden und dem unausbleiblichen künstlerischen Krach endlich auch der pecuniäre folgen soll. Mit dieser nicht gerade angenehmen Erörterung glauben wir der überwiegenden Mehrzahl der Akademie selbst aus der Seele zu reden, welche gewiß überzeugt sind, daß nicht zu tadeln, sondern eine Aenderung unsrer Münchener Musikzustände, mit denen Keiner zufrieden sein kann, anzuregen unsre einzige und ausschließlich kritische Absicht ist. Was nun die vierte (romantische) Symphonie von Bruckner und ihre Berechtigung, aufgeführt zu werden, betrifft, so haben wir uns in diesen Blättern schon dahin ausgesprochen, daß wir nicht alle Leistungen dieses jedenfalls talentvoll angelegten Componisten als discutirbar betrachten. Für diese unsre Anschauung spricht das gänzliche Abfallen des letzten (vierten) Satzes, in welchem bei trostloser Gedankenleere gewiß alle vierundzwanzig Tonarten wie im Kartenspiel gemischt erscheinen, gegenüber den im ganzen immerhin weit besseren ersten drei Sätzen, welche doch Gedanken, wenn auch keine organische Entwicklung derselben – was zum Begriff „Symphonie“ gehört – aufweisen. Wenn der Componist diesen Mangel mit der Benennung „romantisch“ decken oder entschuldigen wollte, so ist das sehr naiv. Noch naiver aber ist das mit vielem Poltern begleitete Streben der Wagnerianer, diesen Mann, der mit Wagner nichts zu thun hat, als daß er ihm eine Symphonie widmete, in die Schaar seiner Apostel aufzunehmen und darum folgerichtig für ihn Propaganda zu machen.“ (°).
Den Erfolg in München und Franz Fischers Brief erwähnt auch die Welser Zeitung Nr. 50 auf S. 5:
"A. Bruckners vierte Symphonie. Nach der jüngsten Aufführung seiner vierten Symphonie in München hat unser genialer Meister Anton Bruckner den folgenden Brief erhalten:
"Lieber Herr Bruckner!
Ihre vierte Symphonie (romantische) hat bei der gestrigen Aufführung der musikalischen Akademie einen sensationellen Erfolg gehabt - ich gratulire Ihnen dazu von ganzem Herzen!
Das Orchester hat großartig gespielt, von meiner Wenigkeit darf ich nicht sprechen, nur das Eine weiß ich, daß ich alles that, was in meinen Kräften stand, das Werk so schön und gut wiederzugeben als nur möglich war.
Leider war das Notenmaterial Ihres Verlegers ein derartig unkorrektes, daß ich in der Hauptprobe noch Fehler auskorrigiren mußte - in Folge dessen waren die Proben geradezu peinlich gewesen - trotzdem ließen wir den Muth nicht sinken und hatten einen Riesenerfolg, was mich vom ganzen Herzen freute.
Mit herzlichen Grüßen von meinem lieben Kollegen Levy, welcher durch sein Leiden verhindert war, der Aufführung beizuwohnen, grüßt Sie freundlichst und herzlichst
München, 11. Dezember 1890.
Ihr getreuer Franz Fischer,
k. Hofkapellmeister." (°°).
Ankündigung der Wiener Aufführung der 3. Symphonie am 21.12.1890 durch ein Inserat in der Wiener Allgemeinen Zeitung Nr. 3788 auf S. 10:
" Viertes
Philharmonisches Concert.
Sonntag den 21. December 1890,
Mittags halb 1 Uhr,
im großen Musikvereins=Saale.
Programm:
Beethoven: Ouverture zu "Leonore" Nr. 2.
Grädener: Violin=Concert (1. Aufführung) vorgetragen von Herrn Adolf Brodsky. Bruckner: Symphonie in D-moll, Nr. 3. (1. Aufführung in den Philh. Concerten)." (°°°),
in der Neuen Freien Presse Nr. 9451 auf S. 14:
"Concert. IV. Philharmonisches Concert Sonntag den 21. December 1890, Mittags halb 1 Uhr, im Grossen Musikvereins-Saale. Programm : [...] - Bruckner: Symphonie in D-moll, Nr. 3 (I. Aufführung in den Philharmonischen Concerten)." (#)
und in der Wiener Zeitung Nr. 289 auf S. 8:
"4. Philharmonisches Concert
Sonntag den 21. December 1890,
Mittags halb 1 Uhr,
im
grossen Musikvereins-Saale.
Programm:
[... Beethoven, Grädener, Brodsky ...]
Bruckner: Symphonie in D-moll, Nr. 3. (1. Aufführung in den Philh. Concerten.)" (##).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189012175, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189012175letzte Änderung: Feb 19, 2026, 17:17