zurück 23.10.1893, Montag ID: 189310235

Von Bruckner geschriebener Anschlagzettel der Wiener Universität: Beginn von Bruckners Vorlesungen am 30.10.1893. Mitunterzeichnet von v. Schnerich [?] (*).

Das Mährische Tagblatt Nr. 242 bringt auf S. 4 eine Besprechung des Konzerts vom 22.10.1893 mit der 8. Symphonie:
"                          Olmütz, 23. October.
     (Concert des Musikvereines: "Achte Symphonie" von Dr. Anton Bruckner.) Wem ein gütiges Geschick am Abende seines Lebens die höchste Stufe der Kunst zu erringen und sein größte Leistung zu vollbringen gönnt, der mag sich mit Recht "gottbegnadet" nennen. So Meister Bruckner! Seinem siebzigsten Jahre schreitet er entgegen. Wer würde dies nach dem allgewaltigen Werke, das titanenhaft vor uns emporstieg zu schwindelnder Höhe und in seiner fast über menschliche Macht hinausreichenden Steigerung uns Zeugniß gab von der hohen Gestaltungskraft und der seltenen Geistesfrische seines Schöpfers, glauben? Es ist eine reiche, eine erhabene musikalische Ideenwelt, die sich vor uns aufthut und der die vorhandenen Anklänge an Richard Wagner keineswegs Abbruch thun. Blendende Farbenpracht und eine unglaubliche Klangfülle – ein Meer von Tönen, wirkungsvoll und packend – liegt vor uns ausgegossen. Das ist ein Gähren und Wogen, ein überschäumender Strom fast jugendlicher Phantasie – eine echte "Sturm= und Drang"=Musik, wie sie einem Jünglinge näher denn einem Greise liegt. Während der erste Satz [... zu den einzelnen Sätzen ...] Das herrliche Adagio, welches trotz seiner bedeutenden Ausdehnung von der ersten bis zur letzten Note fesselt, ist wohl der Glanzpunkt der Symphonie und soll überhaupt zu den [sic] Schönsten gehören, was Bruckner bisher geschaffen. [...] Mit einem glanz= und prunkvollen, stellenweise hoheitsvoll einherschreitenden Finale schließt das originelle Werk ebenso originell ab. [...] Welch tiefen Eindruck die grandiose Schöpfung auf die zahlreich – und auch aus den Nachbarstädten und Orten erschienenen Zuhörer übte, das konnte man am besten nach dem stürmischen Beifalle messen, der gestern nach jedem Satze den dichtgefüllten Redoutensaal durchbrauste und sich stellenweise zu begeisterter Höhe erhob. Und hier gab es weder Brucknerianer noch Antibrucknerianer, hier waltete keine Voreingenommenheit, weder für noch gegen, hier war es die echte, aus dem Herzen quellende, tiefe Empfindung der Hörer, die zum Ausdrucke kam. Freilich galt dieser Beifall nicht dem Werke allein, er galt dem genialen Dirigenten, Meister Labler in gleichem Maße. Zwar meint vielleicht mancher, mit einem so tüchtigen Orchester müsse jeder Dirigent Vollendetes leisten. Wir möchten es gerne auf einen Versuch ankommen lassen. Wohl hielt sich das Orchester sehr brav; wir wollen kein Instrument auf Kosten des anderen hevorheben, alle leisteten in ihrer begrenzten Sphäre das denkbar Möglichste, aber daß die Aufführung – nach vier Proben – eine in ihren Einzelnheiten so vorzügliche war, daß die Musiker auf alle Intentionen ihres Leiters so willig und verständnißvoll eingingen, das eben ist nur der energischen Führung des Meisters zu danken, der mit seinem Dirigentenstabe die verschiedenen Elemente zur Einheit formte und das Ganze wie aus einem Gusse entstanden uns vorführte. Lob daher Meister Bruckner, der so Herrliches geschaffen, Lob den Musikern, die es so treu und wahr verkörpert, Lob aber vor allem dem Dirigenten Labler, der dieser treuen, lebenswahren Verkörperung Mittelpunct und Stütze war. Ihnen allen und auch der alten Pflegestätte der Musik, unserer lieben deutschen Stadt Olmütz gereicht die Aufführung zu hoher Ehre.

     (Zum Musikvereinsconcerte.) Die Leitung des Musikvereins hat noch gestern Abends eine Drahtnachricht an Herrn Hoforganisten Anton Bruckner über die glänzende Ausführung der 8. Symphonie unter Meister Lablers Leitung, den großartigen Erfolg und stürmischen Beifall gerichtet." (**).

Telegramm Bruckners an Wladimir Labler in Olmütz (Reaktion auf das gestrige Telegramm nach der Aufführung der 8. Symphonie in Olmütz):
     "Heißesten Dank, höchste Bewunderung sei Ihnen wie dem hochlöblichen Musikvereine." (***).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189310235, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189310235
letzte Änderung: Feb 02, 2023, 11:11