zurück 22.4.1894, Sonntag ID: 189404225

Das Ischler Wochenblatt Nr. 16 berichtet auf S. 2 von der Aufführung der 5. Symphonie am 9.4.1894:
"     *  (Anton Bruckner.) Am 9. d. M. wurde in Graz in einem Concerte im Stadtpark-Theater durch die Kapellen der beiden Stadttheater zum erstenmale Bruckner's B-dur-Symphonie zur Aufführung gebracht, worüber die „Grazer-Tagespost" sich folgenderweise ausspricht: „Eine der gewaltigsten Erscheinungen unter den zur Zeit lebenden Symphonikern ist Anton Bruckner. In einer stattlichen Reihe von Symphonien hat er seine Meisterschaft in der Contrapunktik, seine kraftstrotzende Schöpfergabe glänzend bewiesen. Bedauerlich ist es, daß diese genialen Tonschöpfungen bisher so selten zur Aufführung kamen. Man scheute sich offenbar vor den nicht geringen Schwierigkeiten dieser Werke. Umso höher darf daher das Verdienst, des greisen Tondichters Ruhm durch Wiedergabe einer seiner Symphonien gemehrt zu haben, angeschlagen werden und Herrn Kapellmeister Schalk gebührt außerdem noch die Anerkennung, daß er die aller­erste Aufführung von seines Meisters „Fünfter" zustande gebracht hat. Diese Umstände drängten im gestrigen Symphonie-Concerte Bruckners B-dur-Symphonie in den Vordergrund des Interesses. Es thut mir leid, in dem engen Rahmen meines Referates nicht tiefer auf das inhaltsreiche Werk eingehen zu können, zu dessen voller Würdigung übrigens ein einmaliges und erstmaliges Anhören wohl kaum hinreicht. Bruckners innige Verehrung für Wagner tönt aus jedem Satze. Tief empfindet Bruckner dem großen Musikdramatiker nach, doch ohne daß dadurch seine eigene Individualität geschmälert würde. Sowohl die romantische Es-dur-Symphonie, welche im Jahre 1871 durch den Bruder unseres Kapellmeisters, durch Josef Schalk, aufgeführt wurde, wie die gestrige, bewogen mich zu diesem Urtheile. Charakteristisch für die Zukunfts-Symphonie in B-dur, wie ich sie nennen möchte, ist das Episodenhafte in deren Anlage. Fast wie ein musikalisches Tagebuch eines geistreichen genialen Künstlers, der seine verschiedenen Stimmungen in interessanten Zügen schildert, erschien mir das Werk. Am meisten trifft dies beim ersten Satze zu. Eine ernste, fast klagende Grundstimmung erfüllt das Adagio. Den größten Erfolg erzielte das rythmisch und melodisch reizvolle Scherzo. Der Meister des Contrapunktes spricht aber am deutlichsten im Finale, das grandios choralmäßig in mächtigster Steigerung  durch die Bläser abschließt."


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189404225, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189404225
letzte Änderung: Okt 12, 2026, 16:16