zurück 12.4.1896, Sonntag (Weißer Sonntag) ID: 189604125

Besprechung der 1. Symphonie durch Petrich in der Grazer Tagespost Nr.101:
"Viertes Orchesterconcert des Steiermärkischen Musikvereines.
 
   Das letzte Orchesterconcert in dieser Saison, welches der Steiermärkische Musikverein unter der Leitung seines artistischen Directors, Herrn E. W. Degner, am gestrigen Abend im Stefanien=Saale veranstaltete, war vom günstigsten künstlerischen Erfolge begleitet. Das Programm des Concertes enthielt außer drei, von Herrn E. W Degner für Orchester eingerichtelen Clavierstücken von Beethoven (Bagatellen, Opus 119 und 33), mehrer bedeutende und hochinteressante Tonschöpfungen zweier österreichischen [sic] Tondichter: Das Vor= und Zwischenspiel der Oper „Der Corregidor" von Hugo Wolf und die „Erste Symphonie in C-moll“ für großes Orchester von Anton Bruckner.
     Die hier genannten Werke gelangten gestern zu ersten öffentlichen Aufführung in Graz. Mit großem Interesse sahen wir der Aufführung der beiden Bruchstücke aus Hugo Wolf's Oper „Der Corregidor" entgegen. Die Oper, deren Stoff einer Erzählung aus dem Spanischen des D. Pedro de Alancon entnommen ist, soll, wie schon berichtet wurde, demnächst an einer deutschen, Hofbühne in Scene gehen. Die Musik Hugo Wolf's besitzt denselben selbstständigen und vornehmen Charakter, welchen wir schon an den früheren Tonschöpfungen dieses Componisten zu schätzen Gelegenhei hatten. Das Vorspiel wird in wirksamer Weise mit dem, unisono vorgetragenen Motive „des hochmüthigen und lüsternen Titelhelden“ eröffnet, an welches sich nach einigen Ueberleitungstacten eine ruhige Cantilene anschließt, welche – wie uns die, dem Programme beigefügte Erklärung belehrt – das Glück der beiden Gatten (Lukas und Frasquita) zu überzeugendem Ausdrucke bringt. Im weiteren Verlaufe schließt sich ein bewegter Satz an, dessen drohendes Motiv Unheil verkündet und sich zu leidenschaftlicher Steigerung erhebt. Von bedeutender Wirkung ist die geistvolle Verbindung dieses Motivs mit dem durch die Posanne ausgeführten Corregidor=Thema. Die leidenschaftliche Stimmung beruhigt sich allmählich und leitet dann wieder in wirkungsvoller Steigerung zu dem triumphirenden, über dem Orgelpunkt auf C aufgebauten Schluß über, welcher den Sieg der ehelichen Treue über die Anfechtungen des Corregidors verkündet. Das kurze Zwischenspiel, ein anmuthiges spanisches Tanzstück, welchem der Componist ein charakteristisches Localcolorit verliehen, fand eine auferordentlich beifällige Aufnahme. Die effectvolle, feinsinnige Instrumentation diese Tonstückes sei mit gebührender Anerkennung hervorgehoben. Von hübscher Wirkung waren die Terzenläufe der Holzbläser, der klagende Gesang der Oboe und die schwungvolle rhythmische und orchestrale Steigerung gegen die Mitte des Tonstückes. Freundliche Aufnahme fanden auch die drei bekannten Clavier=Bagatellen von Beethoven, welche Director Degner, dem feinsinnigen und edlen Charakter dieser musikalischen Cabinetsstücke in pietätvoller Weise Rechnung tragend, für Orchester eingerichtet hat. Sämmtliche drel Nummern: das elegische Allegretto in G-moll, das zarte, gesangvolle Allegretto in D-dur und das rhythmisch belebte humoristische Scherzo in C-dur fanden eine entsprechende Wiedergabe.
     Mit der Aufführung der großartigen Symphonie Anton Bruckner's hatte sich der Verein Eine der schwierigsten Aufgaben gestellt, deren verhältnißmäßig glückliche und überraschend gelungene Lösung sowohl dem eifrigen Dirigenten Herrn E. W. Degner als auch den, unter dessen Leitung befindlichen Musikern zur vollsten Ehre gereicht. Der tiefe musikalische Gehalt der gewaltigen Tondichtung, wie auch die rhythmischen und technischen Schwierigkeiten, welche der Componist in diesen Werke den Ausführenden darbietet, stellen sowohl an den Dirigenten als auch an das Orchester ungewöhnliche Anforderungen. In der Pflege der Bruckner'schen Muse nimmt Graz einen hervorragenden Rang ein, indem außer der gestern hier gehörten „Ersten Symphonie" des gefeierten Meisters bisher noch vier andere symphonische Werke desselben in Graz zur Aufführung gelangten: Die dritte Symphonie in D-moll; die vierte (romantische in Es-dur; die fünfte in B-dur und die siebente in E-dur. Bruckner's symphonisches Erstlingswerk (vor 30 Jahren entstanden) ist ein Werk der künstlerischen Sturm= und Drangperiode des Componisten, welches einen überquellenden Ideenreichthum enthält und von der genlalen Begabung und dem staunenswerthen musikalischen Wissen und Können seines Urhebers glänzendes Zeugniß gibt. Dem Componisten mangelt in dieser Schöpfung noch jenes wünschenswerthe und auch nothwendige Maß der künstlerischen Selbstbeschränkung, welches seinen späteren Werken dieser Gattung den Stempel der Vollendung aufdrückt und dem Genießenden das annähernde Erfassen und Verstehen ihres musikalischen Wunderbaues ermöglicht. Unter dem Eindrucke der Größe der Conception, der Gewalt des Ausdruckes, der Fülle, Schönheil und Bedeutung der in dieser Schöpfung aufgestapelten musikalischen Gedanken, wird man durch die Art, wie der Componist seiner schrankenlosen Phantasie die Zügel schießen läßt, in Verwirrung gesetzt. Gleich Schuberl's großer C-dur-Symphonie begegnen wir auch in Bruckner's „Erster" manchen „himmlischen Längen". Wir verweisen hier vor Allem auf das überlange und verwirrende Finale, welches uns trotz seiner großartigen Polyphonie und seinen unerhörten musikalischen und orchestralen Steigerungen bis auf Welteres ein unlösbares Räthsel geblieben. Die thematische und contrapunktische Kunst Bruckner's macht sich auf Schritt und Tritt geltend und in souveräner – manchmal vielleich allzu kühner und rücksichtsloser – Weise behandelt der Meister das Orchester, die Ausführbarkeit der von ihm dictirten Figuren und Passagen der Virtuosität der ausübenden Künstler überlassend.
     Wir werden oftmals durch die kühnsten und unerwarteten harmonischen und modulatorischen Wendunger überrascht und andererseits durch die Größe und Tiefe, durch die Schönheit der musikalischen Erfindung, durch den sieghaften Glanz des Orchesters in Entzücken versetzt. Der Tondichter ist in der Gestaltung und Zerlegung seiner Motive wahrhaft unerschöpflich. Gleich zu Anfang nimmt uns das echt symphonische Thema des ersten Satzes mit seiner allmählichen Steigerung gefangen; das Alterniren der Holzbläser mit dem Blechorchester und den Streichern ist von überraschender Wirkung und von überwältigendem Glanze die Vereinigung sämmtlicher Chöre.
     Das langathmige wunderbare Adagio mit seinen wechselnden Lichtern und seiner entzückenden, wahrhaf transscendentalen Melodik übte auf uns einen lief ergreifenden Eindruck aus; dieser verklärte Satz gehört unserer Meinung nach zu dem Schönsten und Bedeutendsten, was die Musik seit Beethoven aufzuweisen hat. Das prächtige, rhythmisch prägnante Scherzo mit seinem trotzigen Thema und dem bestrickenden ländlichen Reigen als Trio, in welchem das Horn mit bezaubernder Wirkung verwendet wird, übte selbstverständlich eine einschlagende Wirkung aus.
     In dem kolossalen stürmischen Finale übten einzelne Steigerungen und der Eintritt der Trompeten und Posaunen eine elementare Wirkung aus. Die zahlreichen enormen rhythmischen und technischen Schwierigkeiten wurden von den ausführenden Kräften in höchst lobenswerther, oft geradezu überraschender Weise bewältigt. Sowohl den Bläsern wie auch dem Streicherchor (nicht zu vergessen der Flötist, welcher seine halsbrecherische Passage trefflich durchführte) sei die verdiente Anerkennung gezollt. Hervorragende Verdienste um den glänzenden Erfolg des Abends hat sich Herr Director Degner erworben, welcher das anstrengende und schwierige Studium der Symphonie und der Wolf'schen Opernfragmente geleitet hat. Die angeführten Werke übten auf das Publikum sichtlich einen bedeutenden Eindruck aus und der Dirigent Herr E. W. Degner wurde durch verdienten Beifall und mehrfache Hervorrufe ausgezeichnet.
                                    Franz Petrich." (*).

(Aufführung einer Krinninger-Serenade beim Wiener Orchesterclub »Haydn« (**)).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189604125, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189604125
letzte Änderung: Nov 09, 2024, 14:14