Das Neue Wiener Tagblatt Nr. 26 bringt auf S. 1f Max Kalbecks Besprechung des Konzerts mit der d-Moll-Messe [am 17.1.1897]:
" War das fünfte Philharmonische einem Unsterblichen gewidmet, so ehrte das zweite Gesellschaftsconcert das Andenken eines Verstorbenen, indem es Anton Bruckner’s Messe in D-moll auf das Programm gestellt hatte. Der pietätvolle Wunsch, den ehemaligen Conservatoriumsprofessor der Gesellschaft besonders zu feiern, durfte nicht an dem Umstande scheitern, daß Bruckner so gut wie nichts von weltlicher Chormusik hinterlassen hat. Deshalb, aber auch nur deshalb, muß die Wahl eines Werkes gebilligt werden, das als ausschließliches Eigenthum der Kirche anheimfällt. [...] Schwer läßt sich ein rein musikalischesVerhältniß zu dem Werke gewinnen, weil bei ihm die Inspiration die Kunst so sehr überwiegt, daß wir die Absichten des Componisten schlechterdings nicht mehr begreifen. Warum· Bruckner diese Textstelle so und jene so behandelt, warum er hier Solo und dort Tutti singen läßt, warum er einzelne, an sich bedeutungslose Worte hervorhebt und dann wieder ganze wichtige Partien beiseite schiebt, warum er den Zusammenhang der Rede unterbricht und mitten im Satze Pausen macht — dies·und anderes sind Dinge, die wir uns mit unserem Laienverstande nicht zu enträthseln oder gar zu beurtheilen erlauben. Wirkliches Vergnügen haben wir nur an Stellen gefunden, die dem äußerlichen Klange nach angenehm ins Gehör fallen. Das Soloquartett des Fräuleins Sophie Chotek, der Frau Gisela Körner, der Herren Pacal und Drapal konnte leider in der vielen freien Zeit, die ihm die Bruckner'sche Messe gewährte, keiner lohnenden Nebenbeschäftigung nachgehen. Ein dankbareres Solo als jene meist wie Verlegenheits- und Angstrufe klingenden Interjectionen absolvirte Herr Ferdinand Hellmesberger [... über die anderen Werke und andere Konzerte ...] Max Kalbeck." (*).
Dieses Konzert bespricht auch Camillo Horn im Deutschen Volksblatt Nr. 2898 auf S. 3f:
" Einen den Wienern lange genug vorenthaltenen, erhabenen Genuß bereitete das zweite Gesellschaftsconcert, das unter R. von Perger's künstlerischer Leitung Bruckner's D-moll-Messe („zum Gedächtnis des Meisters"' brachte. Es war eine schöne, mit bestem Gelingen belohnte That, die der Gesellschaft der Musikfreunde manch' neuen Freund gewonnen haben dürfte, [...]
Ungeachtet ihrer 34 Jahre und trotzdem, daß die D-moll-Messe eben Bruckner'» erste Messe war, birgt sie doch schon große Kühnheit in mancher Melodie und Modulation, contrapunklische Kunst und eine Kraft der Harmonie, die umsomehr überraschen muß, als Wagner's kostbare Partituren Bruckner damals noch nicht zugänglich waren. [...]
Ein Orgelpunkt auf D dient dem klagenden Eingangsmotiv, der verminderten Quinte c b, die canonische Beantwortung erfährt, zur Stütze. Noch schmerzlicher scheint ein zweiter Orgelpunkt all' den Erdenjammer ausdrücken zu wollen. [... Besprechung der einzelnen Teile ...] Wie schade, daß sein Schöpfer es nicht mehr gehört hat! [...]. Um die gut gelungene Aufführung machten sich die Solistinnen Fräulein Chotek und Frau Körner, der Singverein und das Gesellschaftsorchester sehr verdient.
Nach Bruckner's feierlichen Weisen [... über die anderen Programmnummern ...]. Bekanntlich hat Beethoven dieses Festspiel zur Eröffnung des deutschen Theaters in Pest componirt, zu einer längst vergangenen besseren Zeit, da Pest noch der deutschen Kunst ein Heim zugestanden hat. Camillo Horn." (**).
Robert Hirschfeld setzt sich in seinem Konzertbericht in der Wiener Abendpost (Wiener Zeitung) Nr. 20 auf S. 1f vor allem mit dem Begriff "Gedächtnisfeier" auseinander:
" Ein Titel stimmte auch in dem zweiten ordentlichen Gesellschafts-Concerte bedenklich. Bruckners D-moll-Messe wurde „zum Gedächtniß des Meisters" aufgeführt. Die Gedächtnißfeier ging aber gleich mit Compositionen Dvoraks und Brahms' in eine gesunde Fröhlichkeit über. Meine Feier-Logik sagt mir: Um eine Bruckner-Messe nur eben in einem Concerte aufzuführen, bedarf es keines Hinweises auf eine Gedächtnißfeier. Will man aber eine Gedächtnißfeier, so sollte dem ganzen Programm, wie es bisher überall und jederzeit schöne Sitte war, dieser Charakter aufgeprägt bleiben. Mit einer Feier geht man doch — wie etwa beim Anzünden der Laternen am lichten Tage — gemeiniglich über das gerade Nothwendige und Selbstverständliche hinaus. In der einfachen Aufführung einer Bruckner-Messe liegt an sich also noch nichts von einer Gedächtnißfeier. Ist man nicht mit ganzer Seele dabei, so wäre der verletzende Hinweis, daß dies eine Feier bedeuten solle, besser unterblieben. . . . Die D-moll-Messe ist ein echt kirchliches Werk, aus der Kirche und für die Kirche geboren, schlicht, innig, kunstreich, aber knapp in der Form, welche über die heilige Handlung nicht hinausstrebt. Es waltet tief rührende Frömmigkeit darin, aber auch ein reger Geist, der mit Kraft die erhabenen Worte musikalisch ausdeutet. Es ist kein Concertobject, um von der Kritik secirt zu werden; und ich bedaure Diejenigen, welche von der wahrhaft religiösen Stimmung des edel geformten Werkes so wenig in sich aufzunehmen vermögen, daß sie ihren wohlfeilen Witz daran erproben. Die Messe wird noch die Gemüther erbauen, wenn der häßliche Zank um Bruckner längst verstummt sein wird. Die Aufführung unter Leitung des Concertdirectors R. von Perger war das Ergebniß gewissenhaften Studiums, und eben so gewissenhaft führten die Damen Chotek und Körner, die Herren Pácal und Drapal die Soli aus. Trotzdem ließe sich eine "Gedächtnißfeier" mit anderen Kräften denken. [... über die anderen Werke und andere Konzerte...]. Dr. Robert Hirschfeld." (***).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189701265, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189701265letzte Änderung: Aug 17, 2026, 13:13