Kritik von Hedwig Abel zur d-Moll-Messe in der Montags-Revue Nr. 4 auf S. 4 (*).
Diese Aufführung [am 17.1.1897] wird auch in der Neuen Freien Presse Nr. 11647 auf S. 2 besprochen, signiert "R.":
" Die Bruckner'sche D-moll-Messe, welche Herr v. Perger im zweiten ordentlichen Gesellschaftsconcerte „zum Gedächtnisse des Meisters" zur Aufführung brachte, nimmt unter den drei Messen des Componisten nach ihren Dimensionen und dem gemachten Aufwande etwa die Mittelstellung ein. [... über die e-Moll-Messe und f-Moll-Messe, Rudigier, Herbeck ...]. Die sonntägige — ausgezeichnete — Aufführung hat ihm Recht gegeben. Nur der Voreingenommene wird in dem fast durchwegs in den wohlbekannten, ziemlich ausgefahrenen Geleisen des üblichen Prälatenstyls sich bewegenden Stücke etwas Neues, Bedeutendes entdecken wollen. [... über Schwächen, Kritikpunkte, abrupte Schlüsse "Kindesmord!" ...] Die Gesangsstimmen sind anderen Werken des Meisters gegenüber sehr tolerant, sehr sangbar behandelt. Eine einzige Ausnahme machen zwei Stellen, wo Bruckner den Tenor in die tiefe Baßlage hinunterführt. [... seit Beethoven] gilt es als ein Merkmal des Genies, wenn Einer über die von der Natur gesteckten Grenzen ins Blaue hinausgreift. Auch Bruckner hat das oft gethan und — merkwürdig genug — gerade dadurch in Sängerkreisen sein Ansehen wesentlich gestärkt. Ich selbst habe unzähligemale von eifrigen Chorsängern mit einer gewissen staunenden Begeisterung sagen hören: „Nein, was der Bruckner von der Stimme verlangt, das ist großartig!" [...] Ist die Messe nun von den Extravaganzen des späteren Bruckner völlig frei, so zeigt sie dagegen in einigen Partien den Meister von seiner guten Seite. Der Anfang des Kyrie z. B. gehört zum Stimmungsvollsten, was Bruckner geschrieben, das Fugato am Schlusse des Gloria zu seinen besten, ungezwungensten contrapunktischen Sätzen, das Dona nobis, in welchem nochmals das Fugato-Thema aus dem Gloria anklingt, zu seinen rührendsten Eingebungen.
Herr v. Perger hatte sich mit dem Bruckner'schen Werke eingehend beschäftigt und brachte dasselbe in vollendeter Weise zur Geltung. Der treffliche Chor des Singvereins, das Orchester und die Solisten, Fräulein Chotek, Frau Körner und die Herren Pacal und Drapal, leisteten Ausgezeichnetes. [...] R." (**).
Eine Besprechung erscheint auch in den Wiener Neuesten Nachrichten Nr. 116 auf S. 5f, signiert "bgh.":
" Die große Messe in D-moll von Anton Bruckner. Die Gesellschaft der Musikfreunde hat in ihrem Abonnementconcert am Sonntag den 17. Jänner 1897 durch die erste Concertaufführung der D-moll-Messe von Anton Bruckner eine schuldige Pietätspflicht an dem vor wenigen Monaten dahingeschiedenen großen Meister erfüllt. Daß es nicht bald nach dem Tode desselben zu einer [sic] von allen unsern großen Concertunternehmungen gemeinsam veranstalten [sic] musikalischen Traueracte gekommen ist, gehört zu jenen Unbegreiflichkeiten, für die man vergebens eine Erklärung sucht. So kommen nur stückweise die einzelnen „Erinnerungen" an den vielverkannten und schwer verstandenen Tondichter und mit ihnen mancherlei Novitäten. Eine solche ist eben die in dem jüngsten Concerte vorgeführte Messe aus der Zeit, als Bruckner noch Domorganist in Linz war. Dieselbe ließe sich wegen ihres streng kirchlichen Charakters und ihrer nicht übermäßig langen Ausdehnung ganz wohl beim Gottesdienste in der Kirche selbst aufführen, und würde dort ihre mächtige Wirkung auf die andächtigen Zuhörer nicht versagen. Bruckner stand in derselben noch ganz auf dem Boden der kirchlichen Kunst; die innig ergreifenden Solo- und Quartettsätze mit der selbständigen orchestralen Behandlung und die mächtigen Chorsätze.mit dem vollen Klange der Orgel erheben den Geist mit der ganzen Inbrunst des Herzens himmelwärts; so streng ist in dieser Schöpfung Bruckner's der kirchliche Stil festgehalten, daß derselbe sogar da» „GIoria" und „Credo“ antiphanistisch [sic] behandelt, indem er die Eingangsworte des Priesters nicht wiederholt. Die Aufführung des bedeutenden Werkes war durch Chor und Orchester unter Herrn Richard v. Perger's gediegener Leitung eine weihevolle und höchst gelungene, wie auch die übrigen Nummern des Programmes [...] zum künstlerischen Gelingen des Concertes wesentlich beitrugen. bgh." (**a).
Hauptversammlung des Brünner Wagner-Vereins mit einer Bruckner-Gedenkfeier, u.a. mit Aufführung der 7. Symphonie [vermutlich Klaviertranskription] und des Quintetts in Brünn (***).
Artikel von Franz Theodor Cursch-Bühren "Anton Bruckner +" in "Die Sängerhalle" (Leipzig) (°).
Brief von Anton Meißner an Ignaz Bruckner:
August Stradal, ein ehemaliger Schüler seines Bruders, hätte gerne einen Brief Bruckners gegen Bezahlung. Ignaz möge den beiliegenden Umschlag für einige Zeilen verwenden (°°).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189701255, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189701255letzte Änderung: Aug 17, 2026, 13:13