Im Brünner Tagesboten Nr. 583 erscheint auf S. 4 eine mit "Dr. H. F." signierte Besprechung des Konzerts vom 14.12.1905 mit der 5. Symphonie.
"[…] Aber nicht der Gast allein, auch der Gastgeber hat uns vorgestern eine freundliche Überraschung bereitet. Schon in seinem Äußeren, das allen überladenden Aufputz von sich geworfen hatte. Mit seiner geringeren Spielerzahl schien uns der Musikverein gleichwohl gekräftigter, kraftbewußter. Schon in der einleitenden romantischen Ouvertüre von Ludwig Thuille verriet sich rhythmische Prägnanz, Klangfülle, Frische. Ein Auseinanderhalten der widerstreitenden Themen und füllige Polyphonie. Stärkere Eindrücke hinterließ Bruckners B-dur-Symphonie (Nr. 5). Mit ihrem grandiosen Finalsatz, der uns in den erhabenen Klängen seiner Choralphantasie wie ein Glaubensbekenntnis Bruckners anmutet. Und mit seiner kunstreichen Kontrapunktik, in der sich Bruckners Meisterschaft offenbart. Man hat über dem gewaltigen Ausklang dieses Finale gerne die symphonische Kraft der übrigen Sätze übersehen. Und doch leitet ein straffes Band von Satz zu Satz und vereinigt die scheinbar heterogenen Formelemente zu einer einheitlichen Form im höheren Sinne. Motivische, rhythmische und harmonische Beziehungen ergeben die große Einheit dieser Symphonie, in der sich – wie vielleicht in keiner anderen – Bruckners Wesen, sein religiöser Sinn und seine innige Naturfreudigkeit in Tönen auslebt. Und vielleicht auch der Zwiespalt seines Wesens, diese von Zuversicht und Verzagtheit abwechselnd ergriffene Künstlernatur. Man denkt an den rhythmischen Zwiespalt seines Adagio, in dem sich gerader und ungerader Takt zu einer unruhevollen Einheit verbinden. Aber auch eine Welt des Schönen, eine Apotheose des Natursinns enthüllt sich uns in diesem Adagio; dazwischen klagende Gebete und dann ein Verklingen in Resignation. Wie die heitere Kehrseite dieser Welt berührt das Scherzo. Eine scherzhafte motivische Veränderung des Adagio, an das es sich mit meisterlicher Kunst angliedert. Liebliche Ländlerweisen zeigen uns Bruckners naive Freude am lustigen Musizieren. Schwerer finden wir zu dem von überflutendem Ideenreichtum erfüllten ersten Satz unsere Beziehungen. In seiner freien Gestaltung läßt er gleichwohl die Formen des Sonatensatzes erkennen; mit seiner Breite, mit seinen Generalpausen, seiner unerschöpflichen motivischen Erfindung ein echter Bruckner, in der ganzen Größe seiner Schöpferkraft. Direktor Frotzler hat uns mit der Vorführung des Werkes und mit der Durchführung des ganzen Programms einen neuen, rühmenswerten Beweis seiner rastlos strebenden, musikalischen Vollnatur gegeben."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190512165, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190512165letzte Änderung: Feb 02, 2023, 11:11