zurück 2.3.1883, Freitag ID: 188303025

Besprechung der 6. Symphonie durch L. B. Hahn [vgl. 13.2.1883] in der »Presse« Nr. 59 auf S. 1f:
           »Concerte.

    Das Verhältnis zwischen Carnevals= und Fastenzeit, wie es bei uns zu Lande für die Menschheit im Allgemeinen besteht, verkehrt sich für deren Musik leidende Classe in das Gegentheil.
     [... über die drei letzten Konzerte der Philharmoniker ...] Und in drei Concerten nichts, gar nichts Neues? Keinen einzigen Solovortrag? [...] Gemach, vorlauter Frager, Du thust den Philharmonikern schweres Unrecht. Du begehrst Neuigkeiten? Und sie haben ganze zwei Sätze aus einer Bruckner'schen Symphonie gebracht. Du vermissest Solisten? Da mußt Du unseren wackeren Hummer und seinen Vortrag des Eckert'schen Cello=Concerts wol verschlafen haben. In drei Concerten eine halbe Novität und ein ganzer Cellist, das sollte Deinem Abwechslungsbedürfnisse nicht genügen?
     [... Kritik an der Selbstgenügsamkeit der Philharmoniker, ihrer Praxis der Novitätenproben, wo man »die Stimmen zählt, statt sie zu wägen« ... Lob für die Programmgestaltung der Gesellschaftskonzert ... Dvorak ...] Das Leben gehört vor Allem den Lebenden.
     Die zwei Sätze aus der sechsten Symphonie von Bruckner, mit denen sich die Philharmoniker der zeitgenössischen Production gegenüber in ihrem Gewissen abfanden, weisen mit einer Abnahme der Mängel leider auch eine solche der Vorzüge ihres Schöpfers auf. Was er an Zucht und Styl auf der einen Seite gewonnen, hat er an Ursprünglichkeit und Naturkraft auf der anderen eingebüßt. Ehemals sauste, was er schuf, gleich gepanzerten Walküren auf feuerschnaubenden Rossen unter Gewitterschlägen unberechenbar quer durch die Lüfte; heute hält er sich dem Rücken der Erde näher, verharrt wol auch mit einem festen Ziele im Auge, eine zeitlang in bestimmter Richtung, aber die schäumende Kraft, der [sic] fascinirende Ungestüm sind zum Theile gewichen. Natur und Kunst, beide bei Bruckner unzweifelhaft vorhanden, scheinen sich bei ihm zunächst immer noch zu fliehen; werden sie sich je finden? Dem Adagio konnte man ungeachtet seiner Seltsamkeiten mit Interesse und selbst mit stellenweisem Vergnügen folgen; die aus dem Geiste der Stein= und Broncezeit geschöpften, ungeschlachten Schäckereien des Scherzo konnten nur befremden. Vor Allem müßte Herr Bruckner, dem es ja eigener musikalischer Reichthum entbehrlich macht, auf fremde Kosten zu leben, sich dem tyrannischen Einflusse Wagner'scher Inspirationen und Ideen zu entziehen suchen und sich die Vereinfachung seiner in Polyphonie schwelgenden Tonsprache angelegen sein lassen. Nie tritt bei ihm ein Motiv auf, ohne daß sofort ein anderes unternehmend herbeispränge, im Arm und Geleite anzutragen. - In gewissem Sinne das Widerspiel der Bruckner'schen ist die Dworzak'sche Symphonie in D. Dort ein Ueberquellen von Gedanken und Einfällen, daß die straff gespannten Bande der Form förmlich zu zerreißen drohen; hier ein still=freudiges und behagliches Formenspiel, das über die wahre Größe der Ideen angenehm zu täuschen weiß. Dort eine ungezügelte Feuerseele, die unter eigenen Schmerzen und solchen des Zuhörers für dunkle Gährungen nach Ausdruck ringt; hier ein heiterer, überzeugter Epigonengeist, der mit kindlicher Lust und mit der Leichtigkeit einer starken Begabung sich munter im Hergebrachten tummelt.
     [... über den "Gesang der Parzen" von Brahms im letzten Gesellschaftskonzert ...] Mit strengen, fast herben Compositionsformen wie diese [sic] verzichtet man im Voraus auf Volksthümlichkeit; dessen ist sich Brahms sicherlich bewußt gewesen. Er gehört zum Kunstadel, wandelt unentwegt die durch Pflicht und Beruf vorgezeichnete Bahn und weiß des Beifalles der Massen zu entrathen. L. B. Hahn.« (*).

Kalendernotiz Bruckners: »2. März 20. [Lektion Lamberg]« (**).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188303025, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188303025
letzte Änderung: Feb 11, 2026, 15:15