zurück 7.10.1886, Donnerstag ID: 188610075

Bericht der »Presse« Nr. 278, S. 10, über die gestrige Orgeleinweihung:
                »Wiener Tages-Bericht
                    
Wien 6. October [...]

      [Die neue Orgel in der Stephanskirche.] Heute Nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr war der Stephansdom in allen Räumen von einem Publicum gefüllt, das man zu anderer Zeit in den Concertsälen zu sehen gewohnt ist. Es galt, den Vorträgen der Herren Bruckner und Biebel und Homayer (aus Leipzig) auf der neuen Orgel zu lauschen. Man fand den Ton der Orgel in den sanften, getragenen Stellen zart und schön und gewaltig in massigen Fortestellen. Die Fachleute schienen befriedigt von dem neuen Instrumente, das auch die treffliche Eigenschaft besitzt, daß es sich sehr leicht spielt.« (*).
 
Etwas ausführlicher informiert die Morgenpost Nr. 278 auf S. 3:
     " * (Orgel=Concert in der Stefanskirche.) Gestern fand ein Orgelvortrag im Stefansdome für das größere Publikum statt. Dieses machte auch von dieser Erlaubniß, ein Gratis=Orgel=Concert anhören zu dürfen, den ausgiebigsten Gebrauch. Lange vor Beginn des Vortrages war die Stefanskirche dicht mit Zuhörern gefüllt[.] Unter den Besuchern befand sich auch der Cardinal Fürsterzbischof mit seinem Ceremoniär Consistorialrath Seidl und der Weihbischof mit dem Ceremoniär Dr. Karpf, sowie viele andere geistliche Herren. Um 2 Uhr Nachmittags begannen die Orgelvorträge. Es spielten abwechselnd die Hoforganisten Bruckner und Bibl und der Gewandhausorganist Homeyer auf der neuen Orgel classische Kirchen=Compositionen; die neue Orgel und nicht weniger das Spiel der genannten Orgel=Virtuosen wurden allgemein vom Publikum bewundert. Der Kostenpreis der Orgel beträgt 63.800 Mark. - Die Orgel hat 90 Register, 5653 Pfeifen, 3 Manualien, 1 Pedal, 272 Tasten, 12 Coppelungen und 6 Palestivtritte." (**).
 
Weitere Einzelheiten erfährt man im Neuen Wiener Tagblatt Nr. 278 auf S. 3: " * (Aus der Stefanskirche.) Gestern Nachmittags zwischen 2 und 3 Uhr fanden die in unserem vorgestrigen Abendblatt angekündigten Vorträge auf der neuen Orgel statt. Bereits lange vor der festgesetzten Stunde hatten sich die weiten Hallen des Domes mit einem so zahlreichen Auditorium gefüllt, daß die freie Bewegung allenthalben stockte. Punkt 2 Uhr erschien Kardinal=Fürsterzbischof Dr. Ganglbauer in Begleitung des fürsterzbischöflichen Zeremoniärs Herrn Seidl im Dome und nahm vor der Kanzel Platz. Die Reihe der Vorträge eröffnete Hoforganist Prof. Bruckner mit einer in E-dur einsetzenden Phantasie, die mit den letzten kunstvoll fugirten Takten der Volkshymne zu einem ganz gewaltigen Abschluß gelangte. Hierauf spielte Hoforganist Rudolf Bibl vier kleinere Orgelpiècen, darunter das Ave verum von Mozart, mit schöner Technik, und zum Schluß brachte der Leipziger Organist die Orgelsonate D-moll von Mendelssohn zur Exekution. - Nachdem die Vorträge zu Ende waren, erschien der Kardinal=Fürsterzbischof auf dem Chore, sprach den Herren Bruckner, Bibl und Homeyer seinen Dank aus, sprach einige Worte mit dem Hofkapellmeister Preyer und ließ sich noch einzelne Herren vorstellen. [... Dom noch eingerüstet; der Dombauverein möge die Restaurierungsarbeiten beschleunigen ...]" (***).

Das Musikalische Wochenblatt Nr. 41 kündigt auf S. 502f an, daß Klindworth in Berlin die 7. Symphonie aufführen werde [31.1.1887]:
           »Vermischte Mittheilungen und Notizen.
[...]
     * Die 7. (E dur-)Symphonie von Anton Bruckner scheint in dieser Saison endlich in Fluss kommen zu wollen, denn ausser in Berlin (unter Klindworth) wird sie noch in verschiedenen anderen Städten zur Aufführung gelangen. [...]« (°).


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 188610075, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-188610075
letzte Änderung: Apr 23, 2023, 11:11