[Januar 1891] Bericht der Österreichischen Musik- und Theaterzeitung III (1890/91), Heft 7, S.5, (signiert »M. L.«) über das Philharmonische Konzert mit der 3. Symphonie:
" Grosser Musikvereins-Saal.
Am 21. December v. J. fand im grossen Musikvereins-Saale das IV. Philharmonische Concert statt. Natürlich war der Saal von einem gewählten Publicum gänzlich gefüllt. Die erste Nummer, die Leonoren-Ouverture Nr. 2 von Beethoven, wurde unter Richter's bewährter Leitung vortrefflich ausgeführt und andächtig angehört; selbst die sich sonst störend bemerkbar machenden verspäteten Nachzügler waren nicht zu hören; jeder war in Ehrfurcht vor dem Meister und seiner erhabenen Schöpfung rechtzeitig auf dem Platze, um voll und freudig zu geniessen. Mit der Ouverture war für dieses Mal das Schöne und Herzerfreuende erschöpft. Es folgten hierauf zwei Novitäten; Herr Brodsky trug das Violin-Concert von Grädener vor. [...] Die vorangegangene lnjection mit dem „Grädenerin“ dieser unverfälschten Reincultur des Langweile-Bacillus hat dem Publicum, das ausgiebig mit dieser Lymphe behandelt wurde, eine gewisse Immunität gegen die nachfolgende neue Symphonie von Bruckner verliehen. Sonst pflegt das Publicum bei Beginn einer Bruckner’schen Composition die Flucht zu ergreifen, die nach und nach in eine wahre Panique ausartet, während neuerlich die Fluchterscheinungen vereinzelt blieben und die Majorität das Ende abwartete. Die zwei ersten langsamen Sätze waren voll feierlicher Langweile, doch brachten die Hörer Herrn Bruckner eine herzliche Ovation dar, die wie die nach dem hübschen Scherzo und dem überraschend animirt klingenden Schlusssatze erfolgende, dem um das Wiener Musikleben vielfach verdienten, alten Herrn herzlich gegönnt sei. Die Beifallsbezeugungen wurden nicht ganz ohne Widerspruch hingenommen, es regte sich zum Schlusse eine ganz entschiedene Opposition, jedenfalls eine der Würde der philharmonischen Concerte unangemessene Demonstration. M. L." (*).
Der Erfolg der 3. Symphonie veranlasst den Wiener Akademischen Wagner-Verein, dieses Werk auf das Programm des bereits geplanten [siehe 15.10.1890] Bruckner-Konzerts zu setzen (**).
Ina Löhner übersendet, möglicherweise auf Anregung Göllerichs, Rezensionen und Berichte dieses Philharmonischen Konzertes an Lina Ramann und Ida Volckmann. Vermutlich kommen die Empfängerinnen in ihrem Brief an Göllerich [vor dem 31.12.1890] darauf zu sprechen, da Göllerich am 31.12.1890 ohne sonstigen Zusammenhang sich zu Bruckner äußert (***).
In einem Wiener Musikbrief [in welcher Zeitschrift?] äußert sich Mandyczewski über die 3. Symphonie:
"Aufsehen erregte die Aufführung der D-moll-Symphonie von Bruckner im letzten philharmonischen Concert. Nach jedem Satz rief man den Componisten mit brausendem Beifall vor das Orchester, während sich gleichzeitig ein Theil des Publikums ruhig entfernte - ein Schauspiel, wie man es hier bei jeder Aufführung eines Bruckner'schen Werkes sehen kann. Das Sprunghafte, Willkürliche in Bruckner's Compositionen zieht die Einen an und stößt die Anderen ab. Jene nennen es Genialität, diese Unbehilflichkeit. Auch in diesem Punkte wird uns die Zeit Richter sein." (°).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189012216, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189012216letzte Änderung: Apr 21, 2026, 21:21