Besprechung der 3. Symphonie, signiert ”J. F.” [Josef Foerster?] im Prager Tagblatt Nr. 46 auf S. 4:
"Theater.
Zweites philharmonisches Concert. Mit begreiflicher Spannung sah man namentlich der Aufführung der ersten Abtheilung entgegen, die als einzige Nummer die IV. [sic], aus 4 Sätzen bestehende D-moll=Symphonie, R. Wagner gewidmet, von dem vielumstrittenen Wiener Componisten Anton Bruckner auf dem Programme hatte. In Wien unter Hans Richter's Leitung innerhalb dreier Wochen [sic] zweimal zu Gehör gebracht, soll dieselbe von Seiten des Publicums eine großartige Aufnahme gefunden haben, der gegenüber sich jedoch die Kritik etwas kühler verhielt. Es läßt sich nicht leugnen, daß das Werk Stellen von packender Wirkung enthält, daß die Themen mitunter zu einem kunstvollen Aufbau verarbeitet sind; aber eben in letzterem Umstande liegt auch wiederum der Grund, daß die Themenverbindung harmonische Härten aufzuweisen hat, die ein völliges Behagen nicht aufkommen lassen. [... Sprünge, Fermaten, Pausen: kein einheitliches Ganzes, zerfahren ...] So erscheint es wohl erklärlich, daß das jedenfalls auf Bedeutung und Beachtung Anspruch erhebende Werk in Prag zwar einen guten Erfolg, aber nicht jene begeisterte Aufnahme gefunden hat wie in Wien, wo noch andere Einflüsse maßgebend gewesen sein dürften. Die Aufführung durch das verstärkte Theaterorchester erwies sich als eine vorzügliche, wie es nach der sorgfältigen Vorbereitung und dem verständnißvollen Eingehen des Dirigenten auf die Eigenheiten dieses Werkes wohl nicht anders zu erwarten war. Dasselbe sei im Vorhinein bezüglich der vier Nummer der zweiten Abtheilung bemerkt [... über die anderen Programmnummern, Lob für Carl Beermann ...] - Die Vorführung sämmtlicher Werke war, wie erwähnt, eine sehr gelungene. Das Hauptverdienst fällt selbstverständlich dem unermüdlichen Dirigenten Herrn Dr. Carl Muck zu, der nach jeder Nummer Gelegenheit hatte den reichen Beifall, der ihm und dem Orchester gespendet wurde, dankend zu quittiren.
J. F." (*).
Auch die Montags-Revue aus Böhmen Nr. 7 berichtet auf S. 10 vom Konzert am 14.2.1891:
"Musik.
Neues deutsches Theater. [Zweites philharmonisches Concert.] Wo verweilte das kunstsinnige deutsche Publicum Prags vorgestern Abends, während im Neuen Theater musikalische Genüsse dargeboten wurden? - Es ist in der That tief beschämend, berichten zu müssen, daß gerade die vornehmen Gesellschaftskreise, welche so gerne als glühende Verehrer und Förderer der Kunst sich bezeichnen lassen, dieser letzteren eine so rege Theilnahme entgegenbringen, daß die von dem kunstverständigen Capellmeister Dr. Karl Muck mit unermüdlichem Eifer und liebevoller Sorgfalt vorbereiteten orchestralen Concerte im Theater vor einem recht spärlichen Publicum abgehalten werden mußten. War dies heuer schon beim ersten philharmonischen Concerte der Fall, so gilt es in noch stärkerem Maße vom dem vorgestrigen zweiten. Wenn die lobenswerthesten Bemühungen der an der Ausführung betheiligten musikalischen Kreise ein solches Entgegenkommen finden, dann muß jeder Eifer erkalten, jede Kunst allmählich ersterben.
"Musik.
Neues deutsches Theater. [Zweites philharmonisches Concert.] Wo verweilte das kunstsinnige deutsche Publicum Prags vorgestern Abends, während im Neuen Theater musikalische Genüsse dargeboten wurden? - Es ist in der That tief beschämend, berichten zu müssen, daß gerade die vornehmen Gesellschaftskreise, welche so gerne als glühende Verehrer und Förderer der Kunst sich bezeichnen lassen, dieser letzteren eine so rege Theilnahme entgegenbringen, daß die von dem kunstverständigen Capellmeister Dr. Karl Muck mit unermüdlichem Eifer und liebevoller Sorgfalt vorbereiteten orchestralen Concerte im Theater vor einem recht spärlichen Publicum abgehalten werden mußten. War dies heuer schon beim ersten philharmonischen Concerte der Fall, so gilt es in noch stärkerem Maße vom dem vorgestrigen zweiten. Wenn die lobenswerthesten Bemühungen der an der Ausführung betheiligten musikalischen Kreise ein solches Entgegenkommen finden, dann muß jeder Eifer erkalten, jede Kunst allmählich ersterben.
Die erste Abtheilung der Vortragsordnung bildete Anton Bruckner's dritte Symphonie (D-moll). Lange verkannt, oder vielmehr der Oeffentlichkeit unbekannt, finden die groß angelegten Werke des genialen Symphonikers erst in den jüngsten Jahren Beachtung und verdiente Würdigung. [... über das Werk (wuchtige Fülle, Geschmeidigkeit fehlt, Wagners Einfluss, dennoch eigenständig) ...] Die Symphonie wurde vom Theaterorchester, das namhaft verstärkt war, mit großer Präcision gespielt. Dem Publicum schien sie aber nur theilweise sympathisches Empfinden zu erregen. Am besten gefiel das Scherzo. - In der zweiten Abtheilung [... Lob für Konzertmeister Carl Beermann ...] - Dem überaus strebsamen und hochgebildeten Dirigenten Dr. Muck, sowie den eifrigen Bemühungen sämmtlicher Orchestermitglieder gebührt unsere wärmste Anerkennung. H. S." (**).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189102165, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189102165letzte Änderung: Nov 19, 2025, 13:13