Die Zeit Nr. 1268 bringt auf S. 3 eine Kritik von Richard Wallaschek zum Konzert des Wiener Männergesangvereins [am 31.3.1906], in dem der Chor Mitternacht (WAB 80) aufgeführt wurde (*).
Die Linzer Tages-Post Nr. 79 berichtet auf S. 8 vom Konzert am 1.4.1906 (mit der 7. Symphonie, dem 114. Psalm und dem "Te deum"), signiert "Ae. P." [Aemilian Posch]:
" Fünftes Bruckner-Stiftungs-Festkonzert.
Tausende kennen den unsäglich nüchternen, aber akustischen Raum unserer städtischen Volksfesthalle. Keine dekorierende Hand hat bisher den großerr Saalbau berührt und was das Kunsthandwerk an ihm erspart, muß die Kunst zu guter Stunde herbeitragen. Am verflossenen Sonntag sind wir [... 7. Symphonie, Lob für Göllerich …].
Der Sinfonie gingen voran und folgten nach zwei Gesangwerke für großen Chor und Instrumentalbegleitung. Der erste ist ein erst kürzlich als Manuskript aufgefundener fünfstimmiger gemischter Chor über den 114. Psalm Davids: „Liebe erfüllt mich". Das Werk wurde unbekannten Datums für eine nicht mehr zu ergründende festliche Gelegenheit im Stifte St. Florian geschaffen und dort wahrscheinlich auch aufgeführt, es reicht also in Bruckners Jugendzeit zurück und verleugnet auch sein frühzeitiges Entstehen in keiner Weise. Es folgt noch der Spur der Klassiker und bemüht sich um eine klare, durchsichtige und rücksichtsvolle Stimmführung. Bei der Textstelle: „Kehre zurück, meine Seele" entweicht der traditionelle Ton und ein echter, späterer Bruckner guckt aus dem überkommenen Rahmen. Der Chor beginnt mit einem altkirchlichen Alleluja, im Mittelteil mit einer frommen Bitte weitergeführt und mit einer kühnen Doppelfuge, die Bruckners schon damals hochentwickelte Kunst des Fugenbaues zeigt, geschlossen. Dem Gesangkörper assistiert stellenweise ein Posaunenterzett. Durch die Teilung der Alte in erste und zweite, die vorgeschrieben ist, tritt auch eine Teilung der Kraft ein und diese geteilten Mittelstimmen vermögen mit einem vielköpfigen Männerchor nicht mehr vollkommenes Gleichgewicht in der Klangstärke zu halten. Das Kraftverhältnis verschob sich auch auf die Seite der männlichen Unterstimmen, ohne wesentlich einpfindlich zu wirken. Das fromme, stimmungsvolle Chorwerk erregte durch seine Klarheit und Faßlichkeit in der Konzeption und Ausführung durch den Gesangkörper die hellste Freude. Als Schlußgesang nach der siebten Sinfonie wurde Bruckners weltberühmter ambrosianischer Lobgesang, das „Te Deum" angestimmt, mit dem er seine letzte, die neunte Sinfonie zu krönen befahl. Linz vernahm das Riesenchorwerk schon 1886, 1887 und 1899 durch den „Frohsinn“ unter Leitung Floderers, das erstemal war der Komponist anwesend, und jetzt zum viertenmale mit solchen Massenmitteln wie noch nie. Das grandiose, nur seinem Herrgott geweihte Preislied Bruckners wurde an dieser Stelle seinerzeit eingehend besprochen. [... über die Mitwirkenden ...]. Musikdirektor August Göllerich kann wieder auf eine große Kunsttat zurückblicken. Wer sollte auch berufener sein, Meister Bruckner zu interpretieren als er, der in die Kunst des großen Landessohnes besonders Eingeweihte und zum Biographen desselben Erkorene! August Göllerich umbrauste beim Konzertschlusse minutenlang dauernder Jubel und ein zweiter beschleifter Lorbeerkranz traf auch noch für ihn ein. Ae. P.“ (**).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190604065, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190604065letzte Änderung: Feb 05, 2025, 23:23