zurück 7.4.1906, Samstag ID: 190604075

Das Linzer Volksblatt Nr. 80 bringt auf S. 5f die am 3.4.1906 angekündigte Besprechung des Konzerts vom 1.4.1906 (mit 114. Psalm, 7. Symphonie und "Te deum"), signiert "O. B." [Otto Bahr]:
"            Anton Bruckner-Festkonzert.
     Der 1. April l. J. brachte uns das fünfte Fest-Konzert der hiesigen, anno 1897 gegründeten Anton Bruckner-Stiftung. Dasselbe wurde in der städtischen Volksfesthalle unter der Leitung des Herrn Musikdirektors August Göllerich abgehalten und erzielte einen wahrhaft außerordentlich großen, höchst ehrenvollen Erfolg. Selbstverständ­lich hatte man dem Konzerte in Stadt und Land mit außerordent­lich regem Interesse entgegengeblickt. Wie nicht anders zu erwarten war. hatte sich die Zuhörerschaft überaus zahlreich eingefunden: zum Teil bestand sie auch aus Fremden. Mit andachts­voller Hingebung und gespanntester Aufmerksamkeit lauschte das Auditorium den herrlichen, grandiosen Klängen. Den Beginn machte „Der 114 Psalm" (für gemischten Chor und 3 Po­saunen), eines der vielen bedeutenden Jugendwerke Anton Bruckners, für uns ein Novum, einfach und schlicht, dabei jedoch ungemein stimmungs- und weihevoll, in seiner am Schlusse ange­brachten Doppelfuge schon den späteren Bruckner ankündigend. Herr Musikdirektor Göllerich hat in seiner, für das zu be­sprechende Konzert verfaßten Programmerläuterung alle wesent­lichen Themen dieser Komposition in Notenbeispielen ersicht­lich gemacht und einer kurzen und bündigen Erörterung unter­zogen. Er leitete seine Besprechung dieser Brucknerschen Jugend­arbeit etwa mit folgenden Worten ein: „Dieser Psalm, der nun­mehr seine erste Aufführung mit größeren Mitteln erlebt, bildet durch melodische Erfindung, sinnvoll freie Deklamation und treu­herzige Schlichtheit ein sehr bedeutendes Zeugnis für das selbstän­dige Können des Werdenden, der fernab des öffentlichen Kunst­betriebes in stiller Sammlung anfangs der fünfziger Jahre Perle an Perle reihte zum Preise Gottes, zufrieden damit, sein Werk getan zu haben und unbekümmert darum, was die Welt davon erfuhr". Die Wiedergabe     dieser Jugendarbeit Anton Bruckners machte den Ausführenden alle Ehre. Es war wirklich ein quantitativ stattlicher und qualitativ prächtiger, harmonisch abgetönter Chor vorhanden. Derselbe war zusammengesetzt aus Mitgliedern der Gesangvereine „Frohsinn", „Sängerbund", „Gutenbergbund", „Liedertafel Urfahr", „Männerchor der Lokomotivfabrik", sowie aus Zöglingen der k. k. Lehrer und Lehrermnen-Bildungsanstalt, des k. k. Staatsgymnasiums und der k. k. Ober-Realschule und aus sonstigen Kunstkräften.
     Sodann folgte Anton Bruckners siebente Sinfonie (E-Dur), von dem durch Wiener Kunstkräfte verstärkten Musikvereins- und Theater-Orchester bewundernswert vorgetragen.  [... über die Symphonie und das „Te deum“ …]
     Schlußnummer war das den Linzern bereits wohlbekannte Brucknersche „Te Deum“. Die Aufführung desselben stellte dem Chore wie dem Orchester und dem Leiter dieser beiden Korporationen, Herrn Göllerich, ein wahres Ehrenzeugnis aus. Das Baßsolo war bei Herrn Leopold Brandstötter gar wohlgeborgen, ebenso das Altsolo bei Fräulein Anna Königstorfer; dagegen konnten mich der Solotenor, Herr Ingenieur Viktor Wenzel, und die Solosopranistin, Frau Emmy Karvasy-Borchert (Konzertsängerin aus Berlin), nicht recht befriedigen. Sehr schön, wie ja vorauszusehen war, spielte Herr Hofkonzertmeister Amadeo v. d. Hoya den Violinsolopart.  –  Auch das „Te Deum". erzielte starken Beifallsjubel.        O. B.


Zitierhinweis:

Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 190604075, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-190604075
letzte Änderung: Jun 15, 2026, 7:07