Besprechung der 3. Symphonie (signiert »-ok«) in der Neuen Preußischen Zeitung Nr. 488, Abendausgabe S. 2 (*),
in der Vossischen Zeitung, Abendausgabe, signiert »G. E.« (**),
und im Berliner Börsen-Courier Nr. 487 auf S. 4, signiert »O. E.« [Otto Ehrlich?]:
„ Aus dem Musikleben.
Gestern Abend fand das erste philharmonische Concert dieses Winters statt, und zwar, wie dies auch beim nächsten der Fall sein wird, unter Leitung des Herrn Generaldirector Hermann Levi aus München. Der im vorigen Winter hier so schnell, man kann sagen: populär gewordene Dirigent, dessen Namen untrennbar mit den bedeutendsten musikalischen Ereignissen der Neuzeit verbunden ist, wurde mit warmem Händeklatschen empfangen, und begann das Concert mit Wagner’s Huldigungsmarsch, dessen Vortrag von feinstem Geschmack eingegeben war. [… Mozart A-Dur-Sinfonie …]. Der Schluß des ersten Theiles brachte dann, unter lebhaftesten Beifallsbezeugungen, die große Leonoren=Ouverture, die, voll Gluth und Leben vorgetragen, den Uebergang zu der letzten, ganz modernen Programm=Nummern [sic] machte.
Herr Levi hatte zunächst die Absicht, den sehr schönen langsamen Satz aus der Es-dur-Sinfonie Bruckner’s zu spielen. Es ist aber nur durchaus zu billigen, daß er statt dessen eine ganze, und zwar hier noch nicht bekannte Sinfonie, in das Programm aufgenommen hat, die in D-moll, Nr. 3. Anton Bruckner, ein in ganz Oesterreich seit Langem hochgeschätzter Künstler, steht bereits in dem hohen Alter von neunundsechszig [sic] Jahren (er ist übrigens seit Kurzem nicht mehr k. k. Hoforganist); eine ganze Literatur großer Werke zeugt nicht nur von seinem unermüdlichen Fleiß, sondern auch von einem ungewöhnlichen Talent, das, um es ganz allgemein zu charakterisiren, allerdings mehr coloristischer als construirender Natur ist. Einen besonderen Einfluß auf den Componisten Bruckner hat Wagner’s Wirken und Schaffen geübt, zu dessen aufrichtigsten Bewunderern er gehört. Aber die strenge Geistesschulung geht ihm ab, die Wagner und alle großen Componisten auszeichnet, und die sie vor Abschweifungen und Irrwegen aller Art bewahrt. Vielleicht ist Bruckner überhaupt keine so original=schöpferische Natur, wie vorausgesetzt werden müßte, wenn seine weitaussehenden, großartig angelegten Compositionspläne zu entsprechender Ausführung kommen sollten. Aber trotzdem ist er interessant und auch eigenartig genug, um eine öftere Vorführung in unsern großen Concerten verlangen zu können. Heut [sic] steht ihm unser Publikum ganz fremd gegenüber. Persönliche Freunde hat der in seiner heimathlichen Klause weltfremd Dahinlebende hier gewiß nicht ein halbes Dutzend, und seine gewagten, um den äußeren Erfolg ganz unbekümmerten Erzeugnisse seiner Feder werden bei so seltener Vorführung, ohne jede Möglichkeit, sich an sie zu gewöhnen, niemals auf lebendigere Theilnahme rechnen dürfen. Jedenfalls hätte die gestrige, übrigens „Meister Richard Wagner in tiefster Ehrfurcht gewidmete“ Sinfonie eine viel wärmere Aufnahme verdient, als sie sie gefunden hat. Ein Satz ist ganz reizend – ohne jeden Abzug – nämlich das Scherzo, dessen Hauptsatz wie Trio zu den allerglücklichsten Eingebungen gehört, und der melodisch, rhythmisch, kurz in jeder Weise den Stempel des Meisters trägt. Der erste Satz hat prächtige Themen, leider läßt sich weder im ersten Thema, noch – was ja schlimmer ist – in der Gesammtdurchführung desselben eine über die erlaubte Grenze hinausgehende Aehnlichkeit mit entsprechenden Stellen in Beethoven’s neunter Sinfonie überhören. Das erste Thema des zweiten Satzes ist nicht bedeutend; sehr bald findet sich aber eine anderes (B-dur ¾ Andante), das zu einem entzückenden kleinen Satze verhilft. Auch im Schlußsatz ist thematisch ungemein Interessantes. Der durchgehende Hauptfehler aller Sätze (mit Ausnahme des Scherzo) ist der, daß die vorhandenen, sehr verwendbaren Themen öfter willkürlich abgebrochen werden, daß man dann wohl eine logische Entwicklung vermißt, daß auch die harmonischen Härten oft ohne ersichtlichen Grund auftreten. Dabei ist im Großen und Ganzen das allgemeine Formenschema der Sinfonie beibehalten. Aber die Durchführung stockt eben zu oft, und so erhält man einen mosaikartigen Eindruck. Die ungewöhnlich häufig auftretenden meist nur kurzen Generalpausen erinnern an eine gleiche Gepflogenheit bei Liszt; aber dieser ist in der thematischen Entwicklung viel einheitlicher als Bruckner, der bei solcher Gelegenheit oft einfach genug auf ein anderes Thema überspringt. Der Orchesterklang ist aber durchgehend von großer Schönheit, oft mächtig, oft aber auch ungemein zart. Die Ausführung der Sinfonie seitens des Orchesters war vorzüglich. O. E.“ (***).
Brief Bruckners an Tilgner:
Erbittet für sich die Originalbüste, die Tilgner ihm geschenkt habe und die nach seinem Tod der Universität gehöre. Die Linzer [vgl. Artikel vom 7.11.1893] sollten den Abguß kaufen, der derzeit in Berlin ausgestellt sei. Gestern sei in Berlin die 3. Symphonie unter Levis Leitung aufgeführt worden (°).
Das Mährische Tagblatt Nr. 237 berichtet auf S. 5f von den Proben zur 8. Symphonie [Aufführung am 22.10.1893] (die Rubrik ist datiert "17. October."):
" (Zum Concerte des Musikvereines.) Am nächsten Sonntag findet, wie wir bereits meldeten, ein Concert des Olmützer Musikvereines statt, bei welchem Bruckners "Achte Symphonie" zur Aufführung gelangt. Die erste Probe des Werkes fand gestern Abends unter Leitung des Herrn Capellmeisters Wl. Labler im städt. Redoutensaale statt. Wie man uns mittheilt, machte die Composition schon bei dieser Probe einen mächtigen Eindruck auf die Zuhörerschaft. Das Orchester wurde für die Aufführung dieses Werkes bedeutend verstärkt. Unsere Musikfreunde können dem Musikverein nur dankbar sein, daß er sich entschloß, dieses großartige Werk denselben vorzuführen. Anläßlich der Aufführung der Bruckner'schen Symphonie hatte, wie wir erfahren, der Musikverein den Componisten eingeladen, der hiesigen Aufführung derselben beizuwohnen. Herr Bruckner dankte in liebenswürdigster Weise für diese Einladung und sprach gleichzeitig sein Bedauern darüber aus, daß er wegen Krankheit verhindert sei, hierherzukommen." (°°).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189310175, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189310175letzte Änderung: Nov 20, 2025, 16:16