Die Ostdeutsche Rundschau Nr. 15 berichtet auf S. 8 von der Aufführung der 5. Symphonie in Budapest [18.12.1895]:
" Bruckner in Pest-Ofen. In der Reihe der Gastdirigenten, welche berufen wurden, die diesjährigen Konzerte der Pest=Ofener Philharmoniker zu leiten, erschien kürzlich Herr Ferdinand Löwe vom Wiener Konservatorium. Er hatte den Muth, die fünfte Symphonie von Anton Bruckner zu bringen, trotzdem ein erster Versuch, der vor zwei Jahren mit der siebenten Symphonie des genannten Meisters gemacht wurde, gerade nicht aufmunternd genannt werden konnte. Herr Löwe hatte das Wagniß nicht zu bereuen. Dem ersten Satze wurde zwar eine kühle Aufnahme zu Theil, jedoch vom zweiten Satz an steigerte sich der Beifall, der nach dem letzten Satze den Höhepunkt erreichte." [keine Signatur] (*).
Robert Hirschfelds Feuilleton in der »Presse« Nr. 15 auf S. 1f beschäftigt sich auch mit der (am 5.1.1896) aufgeführten 4. Symphonie:
" Philharmonische Concerte.
Die Philharmoniker schreiten mit der Zeit und bieten jetzt in jedem Concerte neue Anregung, neue Werke. [... das "selbstverständlich Gute" ist ohne Reiz für das Publikum ...] Wird aber ein neues Werk von Richard Strauß, Schütt oder Anton Bruckner angezeigt, so kommt das seßhafte philharmonische Publicum in eine Spannung, welche der Freude an den "Tips" nicht unähnlich ist. Es wird zu einer schlechten Novität stets eine größere Menge in das Opernhaus strömen als zu einer guten Mozart=Oper. [...] Da die Wiener im Allgemeinen schon in einer Brahms=Symphonie lediglich ein Zugeständniß an die künstlerische Ehre der Philharmoniker, eine Bruckner=Symphonie als ein Zugeständniß an die musikalische Jugend über sich ergehen lassen, in Haydn= oder Mozart=Symphonien meist nur eine Concession an die Bequemlichkeit der Spieler erblicken, so wird ein ideales Programm immer nur zu den Utopien eines ernsten Musik=Unternehmens zu rechnen sein.
[... Gesellschaftskonzerte ... Philharmonisches Konzert (5.1.1896) mit Mozart, Richard Strauss (ausführlich), Mendelssohn ...]. . . . In demselben Concerte wurde Bruckner's "Romantische Symphonie" in Es, nachdem die Philharmoniker unter Hans Richter's Leitung das Werk wiederholt in anderem Rahmen zu Ehren gebracht hatten, auch in die philharmonischen Concerte eingeführt. Romantisch ist die Symphonie, weil darin die Grund=Elemente der Romantik: Heldenthum – der erste Satz, Gottesthum – der Choral, und Liebe in phantastischer Art verschmolzen sind und der dritte Satz auch jene wunderbare Naturstimmung herzubringt, welche von der Romantik nicht zu trennen ist. Die erhabensten und lieblichsten, die feurigsten und mildesten Gedanken, die glühendsten und zartesten Farben kommen in dem weitzügigen Werke zu einander. Leider vermag man in dem Finale den Phantasien des Meisters über die weitesten Grenzen formaler Faßbarkeit nicht mehr zu folgen. Das Einzelne erhebt und entzückt, aber die Fülle der Ideen und Combinationen sprengt unser ästhetisches Bewußtsein. Den drei ersten Sätzen folgte allgemeiner, herzlicher, durchaus nicht organisirter oder orcanisirter, sondern organisch aus Achtung und Gefallen folgender Beifall. Meister Bruckner, welchen schwere Leiden heimsuchten, nun aber zur Freude seiner Verehrer wieder freigegeben haben, war in einer Loge selbst Zeuge der ungetheilten Zustimmung. . . . Den Ruhmeslauf der Bruckner'schen Symphonien hat Ferdinand Löwe, seine Dirigenten=Tugenden aufs Neue glanzvoll bekräftigend, mit der Fünften jüngst auch nach Budapest geleitet. Bei diesem Anlasse möchte ich auf eine liebevolle, keineswegs blos von Hyperbeln geschwellte Biographie Bruckner's, von Herrn Uebungsschullehrer Franz Brunner in Linz auf Ersuchen des oberösterreichischen Volksbildungsvereins verfaßt, nachdrücklich hinweisen. Sie ergänzt sehr glücklich die zahlreichen verdienstlichen Aufsätze, welche Dr. Theodor Helm und auch Bürgerschullehrer Kerschagl dem Meister in Fachblättern gewidmet haben. Die Pietät der österreichischen Lehrer für ihren einstigen Genossen ist besondern erfreulich.
Das vierte philharmonische Concert brachte ein neues Clavier=Concert in F-moll von Eduard Schütt. [... positive Besprechung ...].
Robert Hirschfeld." (**).
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189601165, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189601165letzte Änderung: Okt 29, 2024, 23:23