Artikel von Karl Egsch (Kerschagl) in der (von C. Huber herausgegebenen) Österreichischen Schulzeitung (Organ des niederösterreichischen Landes-Lehrervereins) 7 (1894) Nr. 23, S. 385-390.
" Ein österreichischer Schulmeister.
(Biographisches Essay.)
Von Karl Egsch.
" Wenn ich die Augen aufschlage, so muss ich seufzen, denn, was ich sehe, ist gegen meine Religion, und die Welt muss ich verachten, die nicht ahnt, dass Musik höhere Offenbarung ist, als alle Weisheit und Philosophie. – – Keinen Freund hab' ich; ich muss mit mir allein leben; ich weiß aber wohl, dass Gott mit näher ist wie den andern in meiner Kunst, ich gehe ohne Furcht mit ihm um, ich hab' ihn jedesmal erkannt und verstanden. Mir ist auch gar nicht bange um meine Musik, die kann kein bös Schicksal haben; wem sie sich verständlich macht, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die andern schleppen. – – Da fühlt man denn wohl, dass ein Ewiges, Unendliches, ein ganz zu Umfassendes in allem Geistigen liege. Sprechen Sie dem Goethe von mir, sagen Sie ihm, er soll meine Symphonien hören, da wird er mir recht geben, dass Musik der einzig unverkörperte Eingang in eine höhere Welt des Wissens ist, die wohl denMenschen umfasst, dass er aber nicht sie zu fassen vermag."
[im Original ist das komplette Zitat eingerückt]
Diese an Bettina von Arnim gerichteten Worte Beethovens, welche dem gepressten Herzen des seine Kunst über alles liebenden "Musikgottessohnes" entströmten, lenken unsere Gedanken unwillkürlich auf einen dem Geiste dieses erhabendsten Tonschöpfers verwandten Künstler der Gegenwart. Es hört sich an, wie wenn es aus dem Munde des unter uns weilenden Meisters käme, welchen ebenfalls der Kuss des Genius für die höchsten Ziele seiner Kunst geweiht hat, der, einsam "auf sonniger Höh' ", seine Mitstreiter weit zurückließ und, von den einen bewundert, von anderen geschmäht, unbeirrt seinen Siegeslauf fortsetzt, bis auch er mit dem, was sterblich ist an ihm ist, einem Mächtigeren den Tribut zollen musss.
Dass dieser Tongewaltige – wie Franz Schubert – einer der Unsern war, jedoch selbst in Lehrerkreisen noch viel zu wenig gekannt und gewürdigt ist, hat uns die Feder in die Hand gedrückt, um ein kleines Schärflein beizutragen für den Ruhm eines unsterblichen – Collegen. Man sollte nicht warten, bis wir ihm einen schönen Nekrolog zu schreiben haben; die österreichische Lehrerschaft muss sich rechtzeitig bewusst werden, welcher Ehre sie theilhaftig wurde dadurch, dass ein Anton Bruckner aus ihr hervorgegangen, der in der vormärzlichen Schule alle Leiden und Freuden des in einer Person vereinigten Pädagogen und Musikers durchgekostet und durch eisernes Ringen und emsiges Wuchern mit dem ihm verliehenen Pfunde heute eine Stellung im Reiche der Kunst errungen hat, welche mit Ausnahme weniger unfähiger oder übelwollender Neider der gesammten musikalischen Welt klar vor Augen liegt.
Es dürfte manchem eine kurze Schilderung dieses Künstlerlebens nicht unwillkommen sein, weshalb wir in folgendem den Versuch unternehmen.*)
[Fußnote: "*) Der Verfasser nimmt hier Gelegenheit, dem Tonkünstler August Göllerich in Nürnberg (dem vom Meister selbst erwählten zukünftigen Biographen) für die liebenswürdige Übermittlung eines großen Theiles der angeführten Daten seinen besonderen Dank auszusprechen."]
Am 4. September 1824 wurde dem Schullehrer Bruckner in Ansfelden (Oberösterreich) ein Söhnchen geboren, das in der Taufe den Namen Antonius erhielt. Es war der Anfang der "langen Reih' "; der sprichwörtlich gewordene Kindersegen im Hause des Dorfschulmeisters hat sich im Laufe der Jahre auch hier mit einem vollen Dutzend eingestellt. Als der Vater starb, musste der 12jährige Anton, als Ältester unter seinen Geschwistern, für ihn Schule halten, Ministranten- und Organistendienste leisten. Der aufgeweckte Junge zeigte früh seine musikalische Begabung, und nachdem er vom Prälaten des Stiftes St. Florian dahin als Sängerknabe berufen wurde, war ihm Gelegenheit geboten, im Generalbass, Clavier- und Violinspiel einen gediegenen Grund für seine weitere musikalische Ausbildung zu legen. Auch die Orgel lernte er hier schon auf eine nicht gewöhnliche Weise zu meistern.
1840 absolvierte er den 10monatlichen Präparandencurs in Linz und erhielt dann eine Anstellung als Schulgehilfe in Windhag mit 12 fl. jährlicher Besoldung. Wie vieleitig die Beschäftigung eines solchen bedauernswerten Geschöpfes war, das nicht viel besser als ein Sclave von seinem Principal gehalten wurde, dürfte den meisten unserer Leser nicht unbekannt sein. Als einst der Schulgehilfe die ihm aufgetragene Feldarbeit unterließ, wurde er (1843) strafweise nach Kronstorf bei Steyr versetzt. Dort lieh ihm ein Bauer ein Clavier, auf dem er oft um 4 Uhr früh schon die Präludien und Fugen Bachs, des Urvaters aller Harmonie, erklingen ließ. Bruckner kam dann nach St. Florian, wo er bis 1855 blieb. Hier begann eine bessere Zeit für ihn. 1851 wurde er Stiftsorganist mit 80 fl. jährlicher Besoldung, die prächtige Orgel stand ihm zur Verfügung, und als ihm ein Clavier von einem verstorbenen Gönner vererbt wurde, componierte er zu dessen Angedenken ein „Requiem“, welches in St. Florian und Kremsmünster zur Aufführung kam. Um diese Zeit entstanden auch viele Lieder, Motetten, Psalmen etc.
1853 reiste er nach Wien und legte vor dem Hofkapellmeister Assmeyer die Prüfung für das Orgelspiel ab. In St. Florian vervollständigte er auch seine sonstige Bildung ; mit besonderer Vorliebe studierte er Latein und Physik und erwarb sich zu dieser Zeit auch das Lehrbefähigungszeugnis für Unterrealschulen. *)
[Fußnote: " *) Entsprechend der heutigen Bürgerschulprüfung."]
Bei einem Probespiel zur Besetzung der Domorganistenstelle in Linz, dem er ursprünglich nur als bescheidener Zuhörer anwohnte, wurde er aufgefordert, das gegebene Thema, an dem sich die Candidaten vergeblich mühten, auf der Orgel einer Verarbeitung zu unterziehen. Er vermochte es in derart überraschender Weise, dass die Wahl nur auf ihn fallen konnte. So wurde er 1855 Domorganist in Linz. Im selben Jahre reiste er zu Professor S. Sechter nach Wien, dem er eine Messe eigener Composition vorlegte, deren gediegene Arbeit so gefiel, dass der große Contrapunktist ihn als Schüler annahm. Bruckner blieb 7 Jahre mit ihm in Verkehr, arbeitete täglich 7 Stunden und reiste alljährlich auf einige Wochen nach Wien, um vor seinem Lehrer Rechenschaft abzulegen über seine fortschreitende musikalische Ausbildung.
Im Jahre 1861 reichte unser Meister am Wiener Conservatorium um Zulassung zur Maturitätsprüfung im Contrapunkt ein. Sie wurde ihm bewilligt. Die Prüfungscommissäre waren: sein Lehrer Sechter, J. Hellmesberger, Dessoff, Schulrath Becker und Joh. Herbeck. Die Commission verzichtete — über Antrag Herbecks**) [Fußnote: "**) Siehe Biographie Johann Herbecks von seinem Sohne Ludwig."] — auf mündliche Beantwortung vorgelegter Fragen. Man war der Meinung, dass dieselbe dem Candidaten auch keinen Vorrang vor anderen mit Auszeichnung Studierenden einräumen könnte, wäre Bruckner hingegen imstande, ein gegebenes Thema im fugierten Stile sogleich praktisch auf einem Clavier oder einer Orgel durchzuführen, so würde dies mehr als alles theoretische Wissen seine eminenten Fähigkeiten béweisen. Der Candidat war damit einverstanden und wählte die ausgozeichnete Orgel der Josefstädter Piaristenkirche zu seinem Instrumente. Über den Verlauf dieser Prüfung lasse ich Herbecks Biographen***) [Fußnote: " ***) a. a. O."] selbst berichten: „Professor Sechter wurde aufgefordert, ein Thema niederzuschreiben. Es waren vier Takte, die Sechter aufzeichnete. Darauf ersuchte Herbeck seinen Collegen Dessoff, das Thema zu verlängern, worauf Herbeck auf die Weigerung Dessoffs die Verlängerung auf 8 Takte selbst vornahm. „Ach, Sie Grausamer!“ rief ihm Dessoff darauf zu. Das Thema wurde nun Bruckner übergeben, und weil dieser, etwas ängstlich, eine Zeitlang daran studierte, so machte sich eine unwillkürliche Heiterkeit unter den Mitgliedern der Prüfungscommission bemerkbar. Endlich fasste sich Bruckner und begann die Indroduction, welcher die geradezu genial durchgeführte Fuge folgte. Nach Beendigung derselben wurde er herzlichst beglückwünscht und ihm noch die Gelegenheit zu einer freien Phantasie gegeben. Natürlich war die Commission von den Leistungen Bruckners mehr als befriedigt und ertheilte ihm ein glänzendes Zeugnis."
J. Herbeck ließ von dieser Zeit an unsern Meister nicht mehr aus den Augen; er war es, der später (1868) Bruckners Berufung als Conservatoriumsprofessor (auf die Lehrkanzel Sechters) und seine Ernennung zum Hoforganisten durchsetzte.
Trotz seiner collossalen musikalischen Kenntnisse trieb Bruckner von 1861—1863 noch Orchesterstudien bei Kitzler in Linz. Außer Domorganist war er auch Chormeister der Liedertafel „Frohsinn“, als welcher er mit seiner Sängerschar manchen Triumph feierte. Nun begann seine eigentliche Compositionszeit. 1862 schrieb er für das oberösterreichische Sängerfest den „Germanenzug“*) [Fußnote: "*) Dieses Erstlingswerk Bruckners wird von unsern Männergesangsvereinen in jüngster Zeit stark favorisiert. Auch der „Schubertbund“ führte die Composition auf, deren Text sonst immer in der Vertonung Fr. Mairs gesungen wurde."], welchen er unter großem Beifall in der Linzer Volksfeshalle selbst dirigierte.
Das Jahr 1864 brachte seine I. Messe und seine I. Symphonie; beide wurden in Linz aufgeführt. Im selben Jahre reiste er nach München, um den epochemachenden „Tristan“-Aufführungen beizuwohnen. Er blieb zwei Wochen dort und gewann die volle Sympathie des genialen Dichtercomponisten. Der jüngst verstorbene Bülow, der erste „Tristan“- und „Meistersinger“-Dirigent, spielte mit Bruckner Theile seiner I. Symphonie durch und gerieth in Entzücken über die herrlichen Gedanken, entsetzte sich aber über die Kühnheit ihrer Ausführung. Leider hat der große aber ungemein launische Kapellmeister es nie versucht, Bruckner so ganz kennen zu lernen. Wagner selbst sein Werk zu zeigen, brachte der bescheidene Componist nicht übers Herz. Wie sehr ihn aber der große Musikdramatiker schätzte, ersieht man daraus, dass er 1868 die noch unveröffentlichte Schlussscene der „Meistersinger“ unserem Bruckner zusandte, welche derselbe so glanzvoll und überwältigend mit seiner Sängerschar zur Aufführung brachte, dass sie sogleich wiederholt werden musste. 1867 führte Herbeck Bruckners D-Messe auf. Zur Einweihung der Votivkapelle in Linz (1869) componierte Bruckner seine II. Messe (in E), welche einen Sensationserfolg errang.
Um diese Zeit wurde in der Kathedrale von Nancy ein Wettspiel der Organisten veranstaltet. Bruckner reiste hin und besiegte seine sämmtlichen Concurrenten. Man zog ihn von da nach Paris, wo er in der Notre Dame-Kirche vor den ersten Künstlern und Kritikern eine Probe seiner gewaltigen Kunst ablegte. Alles war in dem Urtheil einig, dass es diesem Manne keiner seiner Zeitgenossen gleichthun könne. Hier machte er auch die Bekanntschaft mit Gounod und Auber. Diese beiden Schoßkinder des großen Opernpublicums mögen wohl den unpraktischen Deutschen mitleidig belächelt haben, dessen künstlerische Kraft mit seinen materiellen Einkünften in einem durchaus nicht entsprechenden Verhältnis stand.
Noch immenser war des mittlerweile nach Wien übersiedelten Meisters Sieg als Orgelvirtuose 1871 in London. Das Comité der internationalen Ausstellung in der Albert-Halle lud die berühmtesten Künstler ein, die Riesenorgel daselbst zu prüfen und wollte hiebei gleich einen Wettstreit der größten Orgelvirtuosen aller Nationon veranstalten. Österreich sandte seinen Bruckner, welcher — wie nicht anders zu erwarten — aus diesem Kampfe als Sieger hervorgieng. Er gab dort 8 Concerte in der Albert-Halle, 5 im Krystallpalaste vor vielen Tausenden begeisterten Zuhörern.
Es soll gerade hier nicht verschwiegen bleiben, dass er ein Jahr vorher — anlässich des „Allgemeinen deutschen Lehrertages“ in Wien — in der Josefstädter Piaristenkirche den Repräsentanten des deutschen Lehrerstandes durch sein herrliches Orgelspiel eine Stunde unvergesslichen Genusses bereitete.
London wollte ihn nach den vorerwähnten Triumphen nicht ziehen lassen; der biedere Bruckner schlug aber die verlockendsten Anträge aus. Er konnte, wie so mancher andere österreichische Künstler, seinem Vaterlande nicht untreu werden und erinnert dabei unwillkürlich an Mozart, der lieber darbte, als dass er seinen guten Kaiser Josef verließ.
Im Jahre 1872 wurde Bruckners III. Messe (F-moll)**) [Fußnote: " **) Erst kürzlich in Druck erschienen."], welche er schon 1867 und 1868 vollendet hatte, unter seiner Leitung in der Augustinerkirche zum ersten Mal aufgeführt. Dieses Werk war wegen seiner Schwierigkeiten sehr verschrieen, zur ersten Probe erschienen nur zwei Musiker. Im Vorjahre (1893) unternahm es neuerdings der akad. Wagnerverein, dasselbe im großen Musikvereinssaale unter J. Schalks Leitung zum Vortrag zu bringen; die Zuhörer waren tief ergriffen von dem großartigen Werke und jubelten dem Meister zu.
Wir müssen hier einschalten, dass Bruckner, welcher anfangs in Wien recht gnädig aufgenommen, ja als ein würdiger Nachfolger Mendelssohns (?!) bezeichnet wurde, bald den erbärmlichen Angriffen unserer nichts weniger als unbefangenen musikalischen Kritik ausgesetzt war. Der Hauptgrund lag wohl darin, dass man den Hass gegen den großen Bayreuther Meister, als dessen glühendsten Verehrer sich Bruckner bekannte, auch auf seine Jünger übertrug. Kleinliche und manchmal auch ein bisschen neidische Freunde, welche dem Sonnenfluge des Genies nicht zu folgen vermochten, fanden auch, dass unser Künstler den Zuhörern durch seine „Maßlosigkeit“ zu viel auferlege, und so kam es, dass die urtheilsunfähige Masse unseres Concerte besuchenden Publicums, welches dem gewiss nicht leichter zu verstehenden Meister Brahms — der allerdings das Protectorat des Wiener Kritik-Paschas im vollen Maße genießt — zujauchzte und dem verfehmten Bruckner aus dem Wege gieng oder in die Schmähungen seiner Neider einstimmte. „Leute, welche Gott auf den Knien danken könnten“, sagt Ludwig Herbeck*) [Fußnote: " *) a. a. 0."], „wenn sie im Laufe ihres ganzen Lebens soviele ursprüngliche, große musikalische Gedanken zu producieren imstande wären, als Bruckner in einer einzigen Symphonie verschwenderisch offenbart, nergelten an seinen Schöpfungen geheim und öffentlich und hetzten einen Theil der Presse gegen ihn auf.“ Nun, Bruckner mag sich mit seinem Vorbilde Beethoven trösten, dem es mit seinen heute so „klaren“ Symphonien bei Lebzeiten auch nicht anders ergieng. Sofern nicht böser Wille jenen Urtheilen zu Grunde liegt, könnte man derlei seichte Kritici, welche vermeinen, dass ein solches Riesenwerk sich erfassen lasse wie ein Product unserer nur der handwerksmäßigen Routine entsprungenen Kapellmeistermusik, an die Worte Hans Sachsens erinnern, welche er Herrn Beckmesser zuruft:
„Eu'r Urtheil, dünkt mich, wäre reifer,
hörtet ihr besser zu
Und als Richtschnur für die Beurtheilung des Werkes eines Künstlers, der „als Meister ward geboren“, sagt derselbe seinen Zunftgenossen:
„Wollt ihr nach Regeln messen,
Was nicht nach eurer Regeln Lauf,
Der eig'nen Spur vergessen,
Sucht davon erst die Regeln auf!“
Als Bruckner im Jahre 1872 seine II. Symphonie (Fr. Liszt gewidmet) bei den Philharmonikern einreichte, meinte Dessoff (wie später auch bei der IV.), dieselbe sei unaufführbar. 1873 wurde sie — zur Schlussfeier der Ausstellung — von Bruckner selbst aufgeführt. Trotz der nicht gerade tadellosen Haltung des Orchesters fand sie begeisterte Aufnahme. Herbeck sprach zu ihm nach einer Probe dieses Werkes die Worte: „Noch habe ich Ihnen keine Complimente gemacht, aber ich sage Ihnen, wenn Brahms imstande wäre, eine solche Symphonie zu schreiben, dann würde der Saal demoliert vor Applaus".**) [Fußnote: " **) a. a. O. - Kurz vor seinem Tode spielte Herbeck mit Bruckner dessen IV. („romantische“) Symphonie durch und machte tief ergriffen von der Schönheit des Werkes, die Bemerkung: „Das könnte Schubert geschrieben haben; wer so etwas schaffen kann, vor dem muss man Respect haben."] Herr Hanslick brach seinen Bericht über das Concert ab vor der Bruckner’schen Nummer, um nicht — wie sich der Herr Hofrath ausdrückte — der Schmach zu gedenken, die durch Aufführung dieser Symphonie dem Musikvereinssaale angethan worden. Sein damaliger College von der „Deutschen Zeitung“ nannte unseren Meister „ungefähr anderthalb Narren“ und wüthete gegen den „bizarren“ Bruckner.***)
[Fußnote: " ***) N. M. Z. 1886. „Anton Bruckner“. In dem Aufsatze theilt der Verfasser desselben, Dr. Hans Kleser, auch mit, dass er wegen seines Eintretens für Bruckner in der Kölnischen Zeitung durch die Intriguen des oben citierten Kritikers Gehring, eines Collegen Bruckners am Conservatorium, aus seiner Stellung bei dem genannten Blatte verdrängt wurde."]
Im selben Jahre vollendete der rastlose Tondichter seine III. Symphonie (D-moll); dieses heute fast populäre Werk, welches die Worte „Meister Richard Wagner in tiefster Ehrfurcht gewidmet“ an der Stirne trägt, wurde bei mehrmaliger Einreichung von den Philharmonikern immer abgelehnt. Erst im Jahre 1891 führte diese oft so übel berathene und einer gehässigen Kritik folgende Künstlerschar das herrliche Werk auf.
1875 erfolgte Bruckners Berufung als Lector an die Wiener Universität. Der Andrang der begeisterten Jugend zur ersten Vorlesung war nur dem Sturme bei der Antrittsvorlesung Schillers in Jena zu vergleichen. 1878 vollendete er seine IV. Symphonie, welche erst 1881 (zu Gunsten des Deutschen Schulvereines) aufgeführt wurde. Die V. (noch ungedruckte) Symphonie (B-dur) erlebte am 9. April 1894 in Graz unter Kapellmeister F. Schalks Leitung ihre Erstaufführung und erregte durch die an S. Bach erinnernde Meisterschaft in der Contrapunktik selbst bei den conservativsten Zuhörern Bewunderung und begeisterte Zustimmung. 1883 führte Operndirector Jahn zwei Sätze der ebenfalls noch ungedruckten VI. Symphonie in einem philharmonischen Concerte auf. 1885 brachte A. Nikisch die 1882 begonnene VII. Symphonie (Ludwig II. gewidmet) zu Gunsten der Errichtung eines Wagner-Denkmales in Leipzig mit einem Riesenerfolg zum Vortrag. Das Adagio derselben ist unter dem niederschmetternden Eindruck der Nachricht von Wagners Hinscheiden enstanden und hört sich — ähnlich dem Trauermarsch in der „Eroica“ — wie eine ergreifende Klage um den Tod eines Helden an.
Im selben Jahre führte das Quartett Hellmesberger Bruckners herrliches Streichquintett in einem Concert des Wiener akademischen Wagnervoreines zum erstenmal auf.
Aber nicht nur in Wien, sondern auch auswärts — besonders in Deutschland — siegte im Laufe der folgenden Jahre der Bruckner’sche Genius über seine Widersacher. Leider gestattet uns der Raum nicht, darauf näher einzugehen.
Bruckner erlangte um diese Zeit die höchsten Ehrungen. welche ihm auf seinem dornenvollen Lebenswege bisher beschieden waren. Die Wiener Universität ernannte ihn zum Ehrendoctor der Philosophie, eine Auszeichnung, welche von , dieser Hochschule noch keinem Musiker zutheil ward. Die gesammte Studentenschaft feierte ihn aus diesem Anlass durch einen großartigen Commers im Sophiensaale. Am darauffolgenden Sonntag (13. Dec. 1891) brachten die Philharmoniker die umgearbeitete I. Symphonie, welche vom Meister der Wiener Universität gewidmet ist. Seine Majestät, Kaiser Franz Josef I., nahm die Widmung der eben vollendeten VIII. Symphonie an, ließ dieselbe wie auch die neubearbeitete III. in Druck legen und verlieh Bruckner das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens.
Im Sommer 1892 hatten die Wiener Gelegenheit in der Musik- und Theaterausstellung Symphonien Bruckners zu hören, in würdiger Weise zum Vortrage gebracht vom Ausstellungsorchester unter Leitung der Prof. J. Schalk und F. Löwe, welche sich von jeher (besonders durch die von ihnen vorzüglich gearbeiteten Clavierauszüge der Werke Bruckners) für die Sache unseres Meisters aufopferungsvoll hingegeben haben.
Am 18. December 1892 kam die VIII. Symphonie zur glanzvollen Aufführung, welche einen Sturm der Begeisterung erregte.
In dieser kurzgefassten Skizze musste so manches interessante und wichtige Detail wegbleiben, auch eine große Anzahl weniger umfangreicher Compositionen Bruckners, welche zum Theil auch gedruckt erschienen sind, blieb unerwähnt. Dass der Meister im Vorjahre für das Jubiläum des Wiener Männergesangvereines ein größeres Chorwerk, „Helgoland“ betitelt, lieferte, dürfte den meisten Lesern bekannt sein; von seinen jüngsten Triumphen als Symphoniker in München, Berlin, Paris etc. konnte man ebenfalls in den Tagesblättern lesen. Es dürfte sich vielleicht später einmal Gelegenheit ergeben, dass wir, als Ergänzung dieser Schilderung eines Künstlerlebens, unseren Collegen das freundliche Bild des Menschen Bruckner vorführen, dessen persönliche Liebenswürdigkeit (bei aller Strenge in Kunstsachen) und rührende Bescheidenheit die Herzen gefangen nimmt.
Zum Schlusse unserer Ausführungen können wir den bedauerlichen Umstand nicht verschweigen, dass sein Gesundheitszustand in letzter Zeit manches zu wünschen übrig ließ. Er musste einen Theil seiner Lehrthätigkeit aufgeben, und die Arzte untersagten ihm auch zeitweilig die geistige Anstrengung seines tonschöpferischen Wirkens. Der so mächtige Theil unserer musikalischon Kritik, welcher trotz aller Schmähungen seinen Siegeslauf nicht zu hemmen vermochte, brachte doch das eine zustande, dass der materielle Lohn in Form der Verleger-Honorare etc., welcher vielen dem Niederen und Gemeinen in der Kunst dienenden Günstlingen der „öffentlichen Meinung“ in so reichlichem Maße zutheil wird, bei unserm erhabenen Meister in nur spärlicher Weise sich einstellte. Vor kurzem durchlief eine Notiz unsere Journale, welche besagt, dass das Professoren-Collegium der Wiener philosophischen Facultät einstimmig den Beschluss fasste, beim Unterrichtsministerium ein Gesuch einzubringen, um dem Ehrendoctor A. Bruckner wegen ungünstiger Lebensverhältnisse und Krankheit zu einer entsprechenden Staatsunterstützung zu verhelfen. Die Nothwendigkeit dieses Schrittes ist wohl ein trauriges Zeichen für die Kunstfreund¬ lichkeit unserer Zeit.
Um aber nicht mit dieser betrübenden Thatsache schließen zu müssen, wollen wir einer dem Ruhme des Meisters wie der Ehre unseres Standes gleich wertvollen Episode gedenken, welche sich am Festcommers im Jahre 1891 abspielte. Die Versammlung wurde auch durch die Gegenwart des Rectors der Universität geehrt, welcher in einer schwungvollen Rede — wahrscheinlich im Gedenken der Worte Beethovens, die an der Spitze dieses Aufsatzes zu lesen sind — darauf hinwies, dass die Kunst höher zu achten sei als alle Wissenschaft. Wo die Wissenschaft halt machen müsse, wo ihr unübersteigliche Schranken gesetzt sind, dort beginne das Reich der Kunst, welche das auszudrücken vermag, was allem Wissen verschlossen bleibt, sagte Hofrath Exner und schloss mit den bedeutsamen Worten: „Ich, der Rector magnificus der Wiener Univer- sität, beuge mich vor dem Unterlehrer von Ansfelden“. — — —
Aus den voranstehenden Ausführungen dürfte nun zweifellos erkannt worden sein, dass gerade die Lehrerschaft unseres Vaterlandes alle Ursache hat, auf diesen Mann mit Stolz und Bewunderung zu blicken.
Möge den greisen Tondichter ein gütiges Geschick nicht nur seine mit Spannung erwartete „IX.“ vollenden, sondern auch in voller körperlicher und geistiger Kraft die durch Beethoven geheiligte Zahl noch überschreiten lassen! Dies unser Wunsch zum herannahenden 70. Geburtstag des Meisters."
Zitierhinweis:
Franz Scheder, Anton Bruckner Chronologie Datenbank, Eintrag Nr.: 189406065, URL: www.bruckner-online.at/ABCD-189406065letzte Änderung: Sep 02, 2025, 7:07